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„Stille und andere Nächte“ am Freitag 30. Januar 26
Claudia Zimmer, Gesang , Joachim Fritz, Klavier, Wolfgang Heinzelmann, Kontrabass im Kräuterkasten.
Sprechend, singend, spielend entführten am Freitag Claudia Zimmer, Joachim Fritz
und Wolfgang Heinzelmann
die Gäste im Kräuterkasten in die Welt von Poetik, Chanson, Jazz mit so verschiedenen Vertretern wie
Eichendorff, Sopper, Cole Porter, Georg Gershwin, Hildegard Knef.
Geht das gut? Zwar beginnen Klavier und Kontrabass beschwingt mit „Night and Day“,
doch dann tritt Claudia Zimmer auf und verkündet „Die Falle ist zugeschnappt“.
Aber diese Falle heißt Glück, und der Dichter hat Glück, wenn ihn die Muse küsst.
Gedichte, nur gesprochen oder von Musik untermalt, Chansons, reine Musik wechseln
sich ab,
tauchen ein in die Welt der Nächte. Stille Nächte führen zur Besinnung, zur Erinnerung, zur Natur,
zu den Menschen, zum Blick in den Himmel. Planeten, Mond ziehen ihre Bahn, der Kontrabass
veranschaulicht das mit ruhigen, steten Wiederholungen. Aber man kann das auch anders sehen.
Warum hat der Saturn bloß die Ringe, was ist wirklich Wirklichkeit. Die Natur zeigt
sich unterschiedlich
in den Nächten. Sie kann so friedlich sein, aber Klavier und Kontrabass verkünden drohendes Unheil.
Es kann schlimm werden, wenn selbst im Frühling die Luft vor Kälte erstarrt ist. Die Bäume stehen da
und plötzlich wird einer zum Purzelbaum, wieder ein Beispiel, wie geschickt die Künstler Ernst und
Komik kombinieren.
Für die Menschen ergeben sich gemischte Gefühle. Da ist die Erinnerung „In dieser Stadt kenn ich
mich aus“ ,
an Eltern, Schule, Kirche. Und wie ist es jetzt? Wie sind die Beziehungen? „Ich brauche jemand, der
zu mir hält.“
„Lady be good“ fleht Gershwin, und die Musik unterrmalt, wie aufgeregt er ist.Und
da ist der Mann, der die Frau, die ihn fasziniert hat, nie mehr gesehen hat, mit der er durch die
Straßen gelaufen ist, aber „wir fassten uns nicht an“.
So steht Zarah Leander im Regen und wartet. Jedoch wird dieses Warten gestört durch eine Stimme, die
ihr eindringlich Ratschläge gibt, wie sie Männer behandeln muss, eine witzige Ergänzung zu diesem
Lied. Menschen haben auch Anst in der Nacht, selbst ein Polizist, wie er in verwirrenden Tiraden
erklärt. Angst ist durchaus berechtigt.
„Ich hab meine Tante geschlachtet“ bekennt der Mann, der noch in der blühenden, blühenden Jugend
steht.
Und da ist die Frau, die träumt, dass Menschen sterben und erlebt, dass diese am
nächsten Tag tatsächlich tot sind.
Claudia Zimmer spielt diese Frau ganz treffend. Das Besondere an dem Trio ist, wie
wenig Mittel sie brauchen, um zu beeindrucken. Das Klavier brilliert, als sei das
selbstverständlich, der Kontrabass liefert ruhig und bestimmt die Begleitung. Keine großartige
Gestik ist nötig. Claudia Zimmer passt Sprache,Gesang, Blicke, Bewegungen genau
dem Text an, baut sich nicht theatralisch auf.
„Cèst ci bon“ singt Claudia Zimmer einmal. Man kann dieses Chanson umwandeln in
„C`était ci bon“,
denn es war ein wirklich guter Abend, und das Publikum lässt zwar keine roten Rosen regnen, wie eine
der Zugaben wünscht, dafür aber viel Applaus.
Ute Büttner
Kabarett „ ´s isch wies isch“
Marianne Schätzle im Kräuterkasten am 16. 01. 26
Aus der Sicht einer nicht mehr ganz jungen Frau schilderte Marianne Schätzle am
Freitag im Kräuterkasten, wie das Leben einmal war und wie es heute ist.
Dabei helfen ihr Zeugen aus verschiedenen Generationen, die eigene Großmutter, die
eigenen Enkel, ihre eigenen Freundinnen und die Beurteilung
der Vergangenheit fällt deutlich positiver aus. Was hat sich etwa doch bei den Kindern geändert.
Früher gab es die Outdoorkinder, die im Freien tobten.
Heute sind das Indoorkinder. Das sind aber keine Kinder, die einen Inder als Vater
haben – ein Beispiel dafür, wie Marianne Schätzle mit der Sprache spielt-
sondern Kinder, die im Haus nur noch am Handy hängen, die nicht mehr Angst haben vorm Schwarzen Mann
sondern vorm Weißen Hai, die nicht mehr selbst rennen,
sondern anderen dabei zuschauen. Früher war die Kindheit einfach schöner. Marianne Schätzle greift
zur Gitarre, singt und lässt dann das Publikum als Refrain immer
wieder bestätigen „Wir hatten Spaß, Freude, wir hatten kein Handy“. Diese Erkenntnis zieht sich
durch den ganzen Abend hin. Auch die Kleidung war früher besser.
Keine Jeans, dafür unverwüstliche Lederhosen, für die Mädchen Rock und Kniestrümpfe. Die
Sonntagskleidung wurde im Schrank durch Mottenkugeln geschützt.
Heute wäscht man sie mit solch komischen Mitteln, dass sie einen fürchterlichen Geruch verbreiten.
Doch halt, das verhindert vielleicht, dass die so gekleidete Person entführt wird –
wieder eine überraschende Schlussfolgerung.
Und die passt, denn solch eine gefährdete Frau tritt nach der Pause auf. Ganz aufgeregt erzählt
Marianne Schätzle, dass eben jemand eingeflogen wurde.
Sie verschwindet, und an ihrer Stelle betritt Angela Merkel den Raum, ein Höhepunkt des Abends.
Jacke, Frisur, Raute, Blick, Sprache, alles ist täuschend echt.
Auch sie vergleicht ihr früheres Leben mit der Gegenwart, wobei die Gegenwart positiver ausfällt,
kein enttäuschender Umgang mit anderen Politikern mehr,
dafür ein eigenes Buch, gemütliches Sitzen im Garten, warten, warten bis endlich die Schecke
erscheint. Und für den Umgang mit Gatten Joachim hat sie Hilfe
von Marianne Schätzle erhalten, von der sie oft vertreten wird. Die tritt wieder auf, nachdem Angela
Merkel verschwunden ist, und sie wendet sich jetzt einem
weiteren wichtigen Thema zu, dem Verhältnis von Mann und Frau. Als treffendes Beispiel wählt sie
einen Grillabend. Da ist der Mann ein Mann, der alles beherrscht,
die Frau ist nur Zulieferer. Doch auch beim Essen hat sich viel geändert. Früher gab es nur einmal
pro Woche Fleisch. Ein Huhn wurde erst geschlachtet, wenn es keine
Eier mehr legen konnte. Wurst war die Hauptsache beim Grillen, heute diskutiert man, ob eine Wurst
noch Wurst heißen darf, wenn sie vegetarisch oder vegan hergestellt wurde,
wieder eine lustige Pointe.
Früher war alles besser. Man ist alt geworden, der Körper hat sich negativ
verändert, um sich
schwindelig zu fühlen braucht man keine Flasche Wein mehr.
Wenn man im Bus mit lauter jungen Leuten sitzt, fühlt man sich völlig fehl am Platz. Bleiben
Freundschaften. Man trifft sich zum Kaffee. Doch die Themen
haben sich geändert. Früher redete man über Kuchen, über Rezepte, über Abnehem, heute redet man über
Werte – Blutwerte.
Einen Rat hat Marianne Schätzle für das Publikum. Man soll bei solch einem Treffen
nie zu früh
gehen, denn sonst wird von den anderen über einen geredet.
Nun, sie selbst geht nach kräftigem Applaus zwei Zugaben, und die Gäste im Saal reden tatsächlich
über sie, aber nur gutes nach diesem vergnüglichen Abend.
Ute Büttner
Wer ist hier irre?
Heinz Klever im Kräuterkasten am 5. 12. 25
Diese Frage versuchte der Kabarettist Heinz Klever am Freitag im Kräuterkasten zu
klären, betrachtete dazu sein privates Leben und die
Umwelt mit Hilfe von Stimme, Gitarre und Mundharmonika.
Wir müssen etwas zur Verbesserung der Welt tun. Auch ein Kabarettist kann dazu
helfen. Wenn er die gleiche Pointe immer wieder benutzt,
lacht das Publikum nur beim ersten Mal, schadet also dem Klima weniger. Das verhindert dann die
Gefahr, dass die Nordsee steigt und Millionen von Holländern
fliehen und uns mit ihren Wohnwagen überfluten. Aber irre ging und geht es immer. Es gab einen
Weltkrieg, dann noch einen. Also wurden sie „nummeriert“, ein
Beispiel, wie treffsicher ironisch Heinz Klever seine Worte einsetzt. Auch dann, wenn er die
Mächtigen unter die Lupe nimmt. China ist viel besser als wir glauben,
erläutert ein Gelehrter mühsam. Diktatoren sind keine Bösewichter, man muss sie bedauern. Der arme
Putin liebt sein Volk, aber das dumme Volk kapiert einfach nicht,
was er von ihm will. Der brave Bankbeamte erklärt dem Sparer leutselig, was Sache ist, aber der
versteht auch nichts. Aber schlecht ist es auf dem Gebiet der
Wissenschaft. Die ist völlig maskulin ausgerichtet, bestimmt die Regeln etwa in der Mathematik. Wer
hat eigentlich angeordnet, dass 2+2=4 sein muss?
Was kann man tun? Heinz Klever läuft sinnend umher, schaut fragend in den Saal.
Wenn Worte nicht mehr ausreichen versucht er es mit Musik,
singt zur Gitarre, schaltet gar die Mundharmonika ein, verwendet immer wieder bekannte Lieder. Hilft
griechischer Wein? Sollte man sich hinaus ins wilde Leben stürzen?
Aber Glück hält sich in Grenzen, auch im privaten Bereich. Die Sonne scheint immer nur auf die
anderen, so ängstigt sich jeder, wie er kann. Auch moderne Errungenschaften
nützen nichts, nicht KI, nicht Algorithmus soll die Welt programmieren, doch alles endet in
heillosem dadaradara. Zustimmend singt das Publikum diesen Refrain mit.
Hilft Glaube? Gibt es ein Leben nach dem Tod, das besser ist oder werden die
Menschen dann nach ihrer Glaubensrichtung aufgeteilt? Wie kann
ich sterben, wenn ich nicht krank bin? Ein gut in Szene gesetzter Dialog zwischen Arzt und Patient
erläutert das. Der Patient ist nicht Patient sondern kerngesund,
doch als er die Praxis verlässt, wird er von einem Sanitätswagen überfahren. Wir sind ratlos, sogar
Faust steht arm im Fußballtor. „Gönnt mir ein bisschen Ruh“,
fleht Heinz Klever singend. Aber Ruhe gibt es nicht, auch nicht, wenn sich zwei an der
Bushaltestelle unterhalten. Woher kennt der eine bloß den anderen? Das führt
zum Opernsänger und Betrüger, nach Verona oder an eine Straßenkreuzung in einer Kleinstadt,
„Gönnt mir ein bisschen Spaß“,verlangt Heinz Klever auch. Auf jeden Fall hat er an
diesem Abend dem Publikum viel Spaß gegönnt, gelacht wurde
immer wieder, nicht nur einmal. Er verabschiedet sich mit der holden Maid, wandert atemlos durch die
Nacht und will unbedingt ein bisschen Sahne. Die hat er selbst
den Gästen tatsächlich serviert, so dass sie einen Nachschlag wünschen und als Zugabe erhalten.
Ute Büttner
Musikkabarett Spätzlesbrett Am 21. November im Kräuterkasten
Hannegret Bausinger, Gesang, Geige, Uli Barth, Gesang, Tenorhorn und Uli Kalbrecht,
Gesang, Klavier, Akkordeon traten im Kräuterkasten auf.
„Wir machen Musik, da geht euch der Hut hoch“, verspricht das Trio. Doch nicht nur
sie, auch die Gäste beteiligen sich, singen den Refrain oder
teilweise die ganzen Texte mit, bewegen sich zum Rhythmus, lassen nicht den Hut sondern die Arme
hoch gehen, denn es erklingen bekannte Schlager von den 20er bis zu den 80er Jahren.
Das Programm ist gut ausgewählt, zeigt, was immer gleich bleibt, was verschieden
ist. Etwa bei Lokalen. Der arme Bolle kriegt in Pankow nichts
zum Essen, die kleine Kneipe in unserer Straße bietet Peter Alexander Wohlgefühl, dagegen beweist
der Kriminaltango, wie gefährlich es in der Taverne sein kann.
Das Meer macht Hans Albers melancholisch oder bringt eine Mutter zur Verzweiflung, weil ihr Junge
doch bald wieder nach Haus kommen soll. Der kleine Kaktus
sticht und sticht, wussten schon die Comedian Harmonists, Rosen, selbst vom letzten Geld bestellt,
bringen Anneliese nicht zum Erscheinen, dagegen erwecken
die Tulpen aus Amsterdam Glücksgefühle. Schon in den 50er Jahren versuchte man sich an vegetarischer
Ernährung, doch schon damals halfen Salat, Spinat, Rote Rübe
nicht gegen Dicksein. Dabei sollen Frauen doch einfach nur schön sein, Männer dagegen stark, dass
Frauen sich angezogen fühlen. Doch welches Elend in den Beziehungen.
Männer warten vergelblich, Frauen flüchten in den Alkohol, Eunuchen heulen im Harem, weil der Sultan
despotisch herrscht.
Musik und Texte sind genial umgesetzt. Der Lenz und der Kaktus werden natürlich nur
vom Klavier begleitet, Hannegret Bausinger und Uli Barth ahmen
mit Blicken und Gesten die Comedian Harmonists nach. Uli Kalbrecht verdeutlicht am Klavier mit einem
schnellen Lauf in die tiefen Töne, wie die Blumen ins Wasser
geworfen werden. Uli Barth ist überzeugt, dass er die Herzen der stolzesten Fraun bricht, obwohl er
genau so leidenschaftslos und träge wie Heinz Rühmann singt.
Hannegret Bausinger findet im Saal ihren Egon, zeigt mit Stimme und Bewegung, dass sie aus Liebe zu
ihm zu viel getrunken hat. Sie stellt sich als das Mädchen von
Pyräus vor, erzählt mit echtem Akzent, was in Griechenland anders ist als in Deutschland, etwa die
Rolle von Hermes, eine der vielen lustigen Bemerkungen, die das
Programm begleiten. Uli Kalbrecht begleitet sich selbst am Klavier, wenn er erzählt, was ihm gut
tut. Mit dem Akkordeon zeichnet er die Stimmung, wenn nicht nur das
Trio sondern der ganze Saal vor der Laterne steht und wartet wie einst Marleen. Stimmung kann auch
anders sein. Que sera, sera singen alle selig mit, doch unwillkürlich
denkt man dabei an Doris Day, wenn sie im Film mit verzweifeltem Blick dieses Lied fast
herausschreit.
Das Trio ist gut abgestimmt, sie sprechen sich witzig ab, lassen dem den Vortritt,
der gerade das Singen, Sagen, Spielen hat. Hannegret Bausinger begleitet
ganz natürlich mit der Geige, wenn sie nicht singt, Uli Barth greift zum Tenorhorn, wenn Uli
Kalbrecht nach der schönen Frau sucht.
„Das gibt`s nur einmal“, nun, jetzt ist November nicht Mai, aber dieses Trio gibt
es hoffentlich nicht nur einmal im Kräuterkasten.
„Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn, bleib nicht so lange fort“, dieses Lied, zum Abschluss geboten,
entspricht ganz dem Wunsch der begeisterten Gäste.
Ute Büttner
„Schau Liebling, der Mond nimmt auch zu..“
David Leukert am 7. 11. 25 im Kräuterkasten
Einen kritischen Blick auf Probleme mit Männern, mit Frauen und mit der Sprache
warf David Leukert am Freitag im Kräuterkasten.
Sprache entlarvt, das sieht man schon an den Namen, die Eltern heute hochtrabend
ihren Kindern verpassen. Nun, die Gäste im voll
besetzten Kräuterkasten hatten da noch Glück, die heißen ganz normal Helmut, Sabine.. .Aber die sind
ja auch nicht mehr ganz jung. Und als wollten
sie rebellieren, verwenden die jungen Leute mit den komplizierten Namen eine höchst einfache Sprache
mit Sätzen aus drei Wörtern. Wie sollen da
Menschen aus anderen Ländern Deutsch lernen, wenn hier oft die eigenen Eltern ihre Kinder nicht mehr
verstehen. Aber Deutsch ist ja so altmodisch.
Also erfindet man jetzt angeblich englische Wörter, über die der, der wirklich des Englischen
mächtig ist, nur lachen kann, „Nordic Walking, Public Viewing, Handy“.
Für Lacheffekte sorgt David Leukert pausenlos, wenn er die heutige Lebensart, die
Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die Sprache untersucht.
Dabei teilt er nach allen Seiten aus. Macht sich lustig über die, die so gnadenlos vegetarisch sind,
dass sie ihren Hund nur mit Salat ernähren, aber auch über die,
die so auf Fleisch versessen sind, dass sie den eigenen Vierbeiner „Vorrat“ nennen. Seinen scharfen
Blick zeigt er auch beim Kampf der Geschlechter, beweist mit
Zahlen, dass es mehr weibliche als männliche Artikel gibt, dass Mehrzahl immer weiblich ist, dass
Mann weiblich wird in „die Mannschaft“, dass die Tendenz, heute
männlich und weiblich zu umgehen, zu sprachlichen Fehlern führt, weil etwa Studierende der Wortart
nach pausenlos Tag und Nacht studieren müssten.
Nach der Pause erweitert David Leukert noch sein Blickfeld auf die Politik. Da
deutet er schon Konflikte an, indem er mit der Mundharmonika zur
Einführung westliche und östliche Nationalhymnen mit einem Schlaflied vermischt. Politiker jeder
Couleur kriegen ihr Fett ab, sei es, wenn sie Schweigeminuten vom
Blatt ablesen, wenn sie die Menschen im Lande nicht durch zu viel Informationen beunruhigen wollen,
wenn sie ihre Meinung ändern, sobald es vorteilhaft erscheint.
Er ist ganz aktuell, weiß um den Mietpreisvergleich zwischen Stuttgart und München Bescheid und er
gräbt in der Vergangenheit, wenn er auflistet, wie wenig das
Fachgebiet eines Ministers zu tun hat mit dessen eigener Ausbildung.
Aber das Hauptproblem für ihn ist doch die Rolle, die der Mann heute spielt. Was
ist ein Mann? Hat er sich überhaupt weiter entwickelt und wie?
Ist er hilflos der Frau ausgeliefert: „Was macht eine Frau, deren Mann im Garten Zickzack läuft? Sie
schießt weiter!“ Wie geht man mit dem eigenen Sohn um, dessen
höchstes Kompliment ist, dass er seinen Alten „nicht scheiße findet“. Taugen Filmhelden wie Lino
Ventura, Charles Broson noch als Vorbilder, hat Mann noch Macht?
Nun, David Leukert hat Macht über die Sprache, spitzfindig, witzig, makaber.
Mächtig ist er auch am Schluss, wenn er mit der Mundharmonika ein Konzert
gibt und dabei gleichzeitig ein großes imaginäres Orchester dirigiert. Und er hat Macht über das
Publikum im Kräuterkasten, das ihm, egal ob Frau oder Mann, begeistert applaudiert.
Ute Büttner
„Hab` ich euch das schon erzählt?“
Stefan Waghubinger am 16. 10. 19.30 Uhr im Kräuterkasten
Mit dieser Frage wandte sich Stefan Waghubinger am Donnerstag an seine Gäste im
Kräuterkasten.
Man darf ja nichts vergessen, so betrachtet er Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft im privaten und
globalen Umkreis.
Angst spielt immer eine große Rolle. Angst vor der Zukunft, denn die ist wie ein tiefes Gewässer, wo
man beim Beschreiben irgend wann den
Grund verliert. In Verbindung mit der Gegenwart. Nun, da kann man Realitätsleugner werden. Man
leugnet als Raucher, dass das gefährlich ist.
Oder man wird Realitätsverweigerer. Dann raucht man und wird trotzdem uralt. Angst, als man noch
Kind war, etwa vor Geistern Ob die eigenen
Wünsche erfüllt werden. Da bleibt nur der Glaube, der schenkt Hoffnung, etwa die Hoffnung auf
Weihnachten. Hier zeigt sich, wie unterschiedlich
Stefan Waghubinger seine Pointen setzt. Seine Mutter häkelt für Ihn, gesteift, sein Vater liefert
Antennen für seinen Kopf. Man selbst ahnt
schon, wie das endet, aber er selbst, das Kind, ist völlig bestürzt, als er so ausstaffiert in den
Spiegel schaut und nicht als Kapitän vom
Raumschiff sondern als Biene Maja heraus schaut. Wie anders die Geschichte um die eigene Tochter.
Die hat natürlich heute Barbie als Liebling
samt Ken. Ausführlich schildert Stefan Waghubinger, wie sie spielt. Dann fällt der arme Ken in einen
Topf mit dunkler Farbe. Barbie gibt ihm
trotzdem das Gepäck, die Folge als überraschender Knaller für die Gäste: Da muss ein
Schwarzafrikaner für eine weiße, blonde Frau die Koffer
hinterher schleppen! Die Spitzen kommen auch beiläufig, aber treffsicher in Nebensätzen. Der
Großvater war Arbeiter und hat trotzdem SPD gewählt.
Aber er kennt auch die Probleme, die in Vergangenheit und Gegenwart gleich sind. Der Froschkönig
wird nicht erlöst sondern auf seinem Stuhl fest
nieder gedrückt. Und er bleibt auf seinem Stuhl absichtlich kleben, wie das die Mächtigen immer
machen.
Sorgen muss man sich um Natur und Klima machen. Stefan Waghubinger ist davon besonders betroffen,
ist seine Frau doch aktives Mitglied bei Greenpeace.
Aber er weiß Hilfe. Ist seine Frau mal weg, säubert er das Haus nicht, macht so daraus ein Biotop.
Meerschweinchen werden gegen Hamster ausgetauscht.
Die sind umweltfreundlicher. Das Meer steigt? Dann wird Holland überflutet und bei uns werden die
Tulpen teurer. Aber man muss bloß die vielen Blauwale
aus dem Meer fischen, dann sinkt der Wasserspiegel wieder. Und wenn die Chinesen dafür sorgen, dass
es bei uns immer wärmer wird, können wir selbst Reis anbauen.
Kann die Religion helfen, sie musste doch schon immer herhalten, wenn man sich etwas nicht erklären
konnte. Nicht unbedingt. Musste man doch als Kind sündigen,
weil am nächsten Tag die Beichte angesagt war. Aber Kirchen sind Schutzräume. Etwa, wenn es draußen
regnet.Man kann freiwillig am Opferstock Eintritt zahlen.
Als Entgelt darf man beten. Die Hilfe könnte ausgeweitet werden. Man baut ein WC ein, kostenlos für
alle. Dann kann man in die Kirche eintreten um auszutreten.
Wieder ein Beispiel, wie genial Stefan Waghubinger mit Worten spielt.
Was ist Sein, was ist Leben. Der Mensch entstand durch Zufall, aber notwendig war er nicht. Nun,
Stefan Waghubinger war notwendig. Das zeigte sich schon bei seiner
Begegnung mit Ottfried Fischer. Der strauchelte, wurde von Stefan Waghubinger aufgefangen, seine
Tante deutete das um, als hätte sich Ottfried Fischer verneigt. Das
Publikum verneigt sich nicht wörtlich, aber bildlich mit langem Applaus für diesen Abend.
Ute Büttner
„Und worüber lacht Ihr?“
Bruno Hamm und Adelheid Fink am 26. 09.25 im Kräuterkasten
Zum Lachen, aber auch zum Nachdenken verleiteten am Freitag Kantor Bruno Hamm und
Sängerin Adelheid Fink mit Stimme und Klavier die Gäste im Kräuterkasten. Sie brauchen dazu nicht
KI, ihre eigene Intelligenz reicht vollkommen. Bruno Hamm betrachtet mit dem kritischen Blick eines
nicht mehr ganz jungen Herren die heutige Zeit.
Wenn schon gendern, dann richtig. Fand das Radfahren von Mann und Frau schon vor einer Stunde statt,
dann muss es Radgefahrenhabende heißen. Und welch ein Durcheinander, wenn Jugendliche sich angeblich
unterhalten, da versteht man kein Wort. Bruno Hamm verdeutlicht das am Klavier, keine Melodie, nur
ein Gewirr von Tönen. Damit zeigt er schon sein Können, Spiel mit Worten und Umsetzen des Gesagten
in die richtige Musik. Und er kann auch Wissen über Musik vermitteln. Das beweist er mit „Fuchs, du
hast die Gans gestohlen“.
Klingt das bei Mozart leicht wie ein Scherzo, wird es bei Beethoven zum
pathetischen Adagio,
reihen sich bei Schönberg die Töne gleichberechtig nebeneinander. Mit Marilyn Monroe
wird es zum Chanson und dann rockt es durch die 70er und 80er Jahre.
Bruno Hamm ist nicht nur ein exzellenter Pianist sondern auch ein toller
Schauspieler.
Wenn er die Arme hebt, sich langsam setzt, den Kopf senkt, in die Tasten greift, könnte man meinen,
dass jetzt Lang Lang persönlich Beethoven spielen wird.
„I got rhythm, I got music“ bestätigt Adelheid Fink mit ihrem Gesang.
Und beide Künstler
haben auch das Gespür für Gemeinsamkeit, achten aufeinander. Im Orchester ist das nicht immer so,
zeigt Bruno Hamm spöttisch am Beispiel der Bratsche. Musik kann so schwierig sein und so
einfallsreich. Wie ändert sich doch ein klassisches Motiv, wenn es etwa wie Chick Corea klingt.
Und eine Singstimme kann geändert werden. „I got plenty or nothing“, hier interpretiert nicht Porgy
sondern Adelheid Fink mit ihrem Sopran, so mitreißend, dass einem selbst der ganze Körper in
Bewegung gerät. Nach der Pause wird es nachdenklicher. Dazu lädt Chick Corea ein,
jazzig, aber nicht zu erregt, Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Es geht jetzt auch um das Altern.
„Wenn man sich jung fühlt, ist man nicht jung sondern alt“. Man braucht eine neue Brille, man lernt
Ärzte als neue Bekannte kennen, man ist als Mann schockiert, wenn einem im Bus ein Mädchen den Platz
anbietet. Bruno Hamm hat seine Erfahrungen in einem eigenen Lied
zusammengefasst, erweist sich also auch noch als Sänger, sucht dann nach Befreiung, findet die mit
Reinhard Mey „Über den Wolken“ und als Chordirigent bringt er die Gäste
im Saal dazu, dass sie nicht nur zögerlich sondern kräftig mitsingen.
„Summertime“ beschreibt dann Adelheid Fink, lässt Zeit zum Betrachten, zum
Besinnen, zum Hoffen
„don`t you cry“. Dabei gibt es heute Grund, pessimistisch zu sein,
wenn man an Politik, an Gesellschaft denkt. Was ist Freiheit, was darf man sagen,
wie geht man miteinander um,wie wichtig sind wir? Ein Bild, aufgenommen von Voyager zeigt die Erde
als ganz winzigen Punkt. Die Musik setzt es um in ganz hohe, flirrende Töne
über einem ganz ruhigen, gleichmäßigen Bassmotiv aus vier sich ständig wiederholenden Tönen.
Zeit zum Besinnen. Zum Abschluss dann Hanns Dieter Hüsch „Utopie“.
Adelheid Fink spricht
den Text zuerst zur Klavierbegleitung, singt dann so, als komme auch ihr dieser Wunsch aus dem
Herzen „dass jeder jeden in die Arme nimmt“.
Nun, das können die Gäste jetzt gerade nicht, denn „no use complaining“, es gab
sowieso
keinen Anlass zum Klagen, und so brauchen alle ihre Hände an den Armen, um herzlich
und dankbar Beifall zu klatschen für diesen Abend.
Ute Büttner
LinkMichel „Jetzt Hammer den Salat“
Michael Klink im Kräuterkasten am 02. 05. 25
Mit drastischen Beispielen hämmerte LinkMichel dem Publikum im voll besetzten
Kräuterkasten ein, dass das Leben wirklich ein Salat ist.
Er hat viel Erfahrung, ist er doch nicht mehr der Jüngste, gesegnet, doch leider meistens geplagt
mit Ehefrau und drei Töchtern. Zum Glück gibt es wenigstens noch Freund Manne. So schildert er sein
Leben. Es sind Alltagssituationen. Doch die können so kompliziert sein. Etwa der Einkauf im
Supermarkt, wenn man ratlos vor dem Hundefutter steht, ein armes, weil nur halbes Huhn im Kühlfach
findet, nachzählen muss, ob sieben Leute an der Kasse stehen, weil nur dann eine weitere Kasse
öffnet. Fast schlimmer noch, wenn man auf Anordnung einer Tochter im Fachgeschäft eine neue Hose
kaufen muss, die bei der Vorführung daheim prompt platzt. Aber Sport hilft auch nicht weiter im
gewichtigen Alter. Als Mountainbiker hat man Jäger und Anhänger von Nordic Walking als natürliche
Feinde. Stabhochsprung als Übung ist Blödsinn, kann man doch besser einfach unter der Latte durch
gehen. Und daheim weiß die Frau alles besser, sogar, wie man ein Bett bezieht. Und sie weiß
Bescheid, was in der Welt, in der näheren Umgebung los ist. Sie wohnen in einem kleinen Ort. Fünf
Minuten braucht er, um den abzulaufen, bei seiner Frau dauert das mehr als eine Stunde, denn sie
muss ja alle Neuigkeiten abhören. Urlaub müsste eigentlich Erholung vom Stress bringen. Doch die
Familie ist ja dabei. Und wenn man Richtung Süden über den Brenner fährt, hat man ganz viele
„Followers“ und leider keine „Likes“.
Immer wieder erinnert sich LinkMichel an seine Kinder-und Jugendzeit, aber auch die sind nicht sehr
erbaulich. Campingurlaub mit mühsamem Zeltaufbau und täglichen Dosenravioli. Eltern, die alles
besser wissen, Zettel, die man heimlich im Klassenzimmer austauschen wollte, Lehrer, die straften,
was man dann erfolglos vor den Eltern verheimlichen wollte, der blöde Schulkamerad Volker, den man
leider nicht zum Fenster hinaus werfen konnte. Wie schön ist es doch, jetzt Freund Manne zu haben.
Mit dem kann man das Volksfest abends besuchen und kommt dann immer sicher heim – im Streifenwagen.
LinkMichel wirkt gar nicht alt, wenn er erzählt. Er bewegt sich, gestikuliert. Er spricht leise,
langsam, wenn er nachdenkt und posaunt dann lautstark seine Erkenntnisse hinaus in den Saal. Er hat
Spaß am Wortspiel, Fische sind noch grätig, auch wenn sie schon tot sind, „Ich kann nicht mit dir
gehen, ich habe ein Moped.“ Er schafft komische Verwechslungen. „Nehmen Sie ab“ bezieht sich nicht
aufs Gewicht sondern auf den Telefonhörer, „Comment“ fragt der Franzose, meint aber nicht das Komma.
Bei „Emma, sitz“ hockt sich die Hundehalterin und nicht der Rottweiler auf den Boden. Er wird leicht
makaber. Gelbe Kleidung ist gefährlich, man könnte als gelber Sack entsorgt werden. Beim
Wasserballspiel sollte man auf keinen Fall rote Badekappen tragen, weil der Ball auch rot ist.
LinkMichel erinnert sich, wie seine Familie einmal beim Zeltaufbau hundert begeisterte Zuschauer
hatte. Nun ganz so viele sind es an diesem Abend im Kräuterkasten nicht, aber die Begeisterung zeigt
sich durch lautes Gelächter und anhaltendem Applaus.
Ute Büttner
Fahndung läuft: Frau Nägele ermittelt
Helga Becker im Kräuterkasten
Am Freitag lud Helga Becker als Frau Nägele in den Kräuterkasten ein zum
Fortbildungsseminar „Ermitteln leicht gemacht“.Dieses Thema zog ganz viele Interessierte an.
Frau Nägele ist Expertin, eine Privatemittlerin, steht mit ihren Fähigkeiten keiner Mrs. Peel oder
Miss Marple nach, steht auch schon mal mit der Polizei in Verbindung. Und sie wird gebraucht, denn
„Das Böse ist immer und überall“. So mustert sie zunächst alle, die hier sind. Wo kommen diese
Menschen her? Sind die womöglich gar nicht aus Schwaben? Wie wichtig die Herkunft ist, wird die
schwäbische Frau im Laufe des Abends beweisen. Schwaben können gut nachforschen, das liegt in ihrer
Natur. Wie eignet man sich Wissen an, was ist besser, Film, Fernsehen, Lektüre, Columbo, Jerry
Cotton? Frau Nägele plädiert für Lesen, ohne Krimi geht sie nie ins Bett.
Der Kurs ist sehr spannend und lehrreich. Alle müssen mitarbeiten, direkt Fragen beantworten, gar
sich im Internet zuschalten, als Zeugen herhalten, schunkeln, mitsingen. Frau Nägele gibt vor allem
praktische Hinweise. Verdächtig sind ja besonders die Nachbarn. Man lauscht deshalb an der Tür,
späht durchs Schlüsselloch, ist im Garten, bekommt so Streit mit „Du bist so komisch anzusehn,..du
lässt dich gehn“. Um mehr zu erfahren, kann man in die Wohnung der zu beobachtenden Person gehen,
deren Kontoauszüge mit einem Kugelschreiber durchblättern, um keine Spuren zu hinterlassen.
Besonders aufschlussreich ist es, wenn man wie Frau Nägele als Ermittlerin in einem Supermarkt
arbeitet. Was die Kunden doch bloß alles in ihrem Einkaufswagen horten! Undercover ist auch
erfolgreich, wenn in der Taverne keine dunkln Gestalten sondern Frau Nägele lauert.
Täter und Opfer werden genauer betrachtet. Klar, ein Mörden lauert immer nachts im Wald auf einsame
Spaziergängerinnen. Und ebenso folgerichtig: Ein männlicher Schwabe, der samstags nicht schafft
sondern gemütlich auf einer Bank sitzt, wird zum Opfer. Täter und Täterinnen unterscheiden sich.
Männer sind derber, klar, die haben zu wenig Zellen im Hirn, bevorzugen grobe Werkzeuge. Frauen
lieben Gift, kann man doch die dafür passenden Pflanzen auf dem Balkon aufziehen. Frauen können auch
gut feine Stricknadeln verwenden, Männer haben da als Alternative nur Struzmpfhosen. Ein Poblem ist
die Entsorgung der Leiche, helfen so drastische Mittel wie Kleinhacken oder Verbrennen? Wichtig is
natürlich auch die Arbeit der Polizei. Die sucht nach „Spuren im Sand“. Dann die Tatortreiniger. Das
ist ein idealer Beruf für schwäbische Hausfrauen!
Und schließlich der Bestatter. Der begräbt die Leiche zu melancholischen Klängen.
Frau Nägele ermittelt aber auch in einem besonderen Bereich. Mit Hilfe der Anwesenden spürt sie
verloren gegangenen schwäbischen Wörtern nach, weist die Verknüpfungen von Schwäbisch und
Französisch nach, deckt auf, wer da von wem geklaut hat. Zeigt, wie vielfältig unsere Sprache ist.
Dazu muss ein Mann aus dem Publikum als Beweis herhalten. Erstaunlich, wie viele verschieden
Bezeichnungen es bei uns für jedes einzelne Körperteil gibt.
Ja, sie arbeitet wirklich fleißig. Als Belohnung hortet sie für sich eine besimmte Süßigkeit im
Kühlschrank und im Hochsicherheistrakt im Keller, hat sie immer in Gedanken und in der Stimme „Merci
Cherie“. Diese Verbindung von Sprechen, witzig, manchmal auch derb, und Gesang, dieses Umwandeln der
Texte bekannter Lieder, von Brecht, Udo Jürgens, Howard Carpendale, Edith Piaf, dieses Umsetzen in
Bewegung, dieses ständige Aktivieren des Publikums zeichnen den Abend aus. „Non, je ne regrette
rien“ beteuert sie, und keiner im Saal bedauert, dass er hier war, wie der begeisterte Applaus
während und nach der Aufführung beweist.
Ute Büttner
„Revue gegen rechts“
Theatergruppe „Theater unter der Laterne“ im Kräuterkasten am 7. 02. 25
Höchst kritisch beleuchtete am Freitag das „Theater unter der Laterne“ mit Gabriele
Gatzweiler, Christoph Holbein, Joachim Mangold und Barbara Wydra die heutige Situation, richtete
dazu den Lichtstrahl zur Warnung besonders auf die deutsche Vergangenheit seit den 1920er Jahren.
Doch die Reise beginnt schon viel früher mit Heinrich Heine, der sich trotz seiner Liebe zu
Frankreich wieder nach deutscher Luft sehnt. Aber etwas ist faul, nicht nur im Staate Dänemark,
müsste Hamlet erkennen, auch in Deutschland.
War es wirklich so schlimm in der Zeit zwischen 1923 und 1945? Nicht, wenn man
vielen Prozessen
danach glauben darf. Da treten die Verbrecher als harmlose Menschen auf, die sich keiner Schuld
bewusst sind. Sie werden freigesprochen, führen nach dem Krieg ein normales Leben, werden gar
Minister, hohe Beamte im Justizwesen. Welch ein Gegensatz zu dem Prozess im April 1945 im Fall
Brettheim, einer kleinen Stadt, als drei Männer gehängt werden, einer, weil er angeblich
Hitlerjungen entwaffnet hat, die beiden anderen, weil sie das Urteil nicht per Unterschrift
bestätigen wollten.
„Die Gedanken sind frei“, hat das Ensemble zu Anfang gesummt. Heute sprechen
Prominente, Politiker
ihre Gedanken aus, vor allem zur Migration. Das wird in einer Quizsendung öffentlich gemacht. Die
vier Künstler treten hinreißend übertrieben als Quizmaster auf, verlesen Zitate, geben drei
Möglichkeiten zur Auswahl, wer das gesagt hat, kennzeichnen diese rein zufällig (?) mit A,D,F.
Für die Gäste stellt es sich heraus, wie schwierig es ist zu erraten, wer das gesagt hat,ein ganz
Rechter, ein ganz Linker, einer aus der Mitte, gar ein Kardinal?
Fremd sein, in der Fremde, im eigenen Land, Fremde, die zu Bekannten werden, weil
beide fremd sind,
darüber hat sich schon Karl Valentin Gedanken gemacht. Fremde begleiten uns heute, sie nehmen uns
die Arbeitsplätze weg wie etwa der teure Fußballspieler aus dem Ausland. Und schlimm, wenn nicht ein
Syrer den Geldbeutel geklaut hat sondern ein Deutscher. Wie soll man das ausschlachten? Die, die uns
fremd sind, müssen bestraft werden. Und Kinder handeln da wie Erwachsene. Das zeigt Erich Kästner in
seiner „Ballade vom Nachahmungstrieb“ wenn Kinder ein anderes Kind aufhängen.
Welche Rolle spielen und spielten die Medien, besonders die Presse? Das Ensemble
geht dazu zurück in
das Jahr 1923, als Paula Schlier beim Völkischen Beobachter arbeitete. Eine beeindruckende Szene,
wenn sie auf der Schreibmaschine klappert, ihre Mitarbeiter einmarschieren mit dem Hitlergruß, wenn
die hingerissen Fotos von Hitler betrachten, die alle veröffentlich werden sollen. Paula Schliers
steinerne Miene verrät, was sie denkt, so ist ihr weiteres Schicksal, Haft, Psychiatrie klar.
„Man kann ja im Herzen stets lachen und scherzen und denken dabei, die Gedanken sind frei.“ Zum
Lachen und Scherzen ist dieser Abend nicht gemacht. Wohl aber zum Bewundern, wie das Ensemble alles
in Szene setzt, glaubwürdig die Personen, gut oder böse, darstellt, wie sie belegte Fakten liefern.
Und zum Denken, was wir heute tun können. So ist der Applaus nicht jubelnd, aber anerkennend. Wer
auch noch zum Nachdenken gebracht werden will, hat dazu die Gelegenheit am 15. Februar, wenn das
Ensemble um 19.30 Uhr nochmals im Kunstwerkhaus in Ebingen auftritt.
Ute Büttner
Irre sind menschlich
Thomas Schreckenberger im Kräuterkasten
Welchen Irrsinn die Irren in aller Welt zu jeder Zeit produzieren, und welcher
Mittel sie sich dazu bedienen, das zeigte Thomas Schreckenberger am Freitag den Gästen im
Kräuterkasten auf.
Aber Gott liebt die Irren, sonst hätte er nicht so viele von ihnen erschaffen. Als
Beispiel könnte
man den neuen Präsidenten der USA nehmen. Doch wie sollen wir mit ihnen umgehen? Früher war das
einfacher, da hat man den Verrückten aus einem Dorf einfach einem Wanderzirkus als Clown mitgegeben.
Heute kann man sie nur mit einem breitkrempigen Hut auf Distanz halten, wie Melania Trump beweist..
Die aktuelle politische Situation ist eine Fundgrube für Thomas Schreckenberger. Neben Trump droht
Putin. Wie können wir uns wehren? Sollen wir ihm Sachsen und Thüringen schenken? Das wäre eine wohl
bedachte Auswahl! Oder helfen unsere Panzer? Könnte ein gutes Mittel sein. Die sind so alt, die
waren schon zweimal im Osten, die kennen sich dort aus.
Auch im eigenen Land haben wir genügend Schwierigkeiten, mit dem Antrag von Merz
nach der
feierlichen Gedenkstunde, mit den bevorstehenden Wahlen. Thomas Schreckenberger nimmt Parteien und
Kandidaten genau unter die Lupe, beschreibt sie treffend, mal lakonisch kurz, sprachgewandt, witzig,
er parodiert sie bis zur Kenntlichkeit, verwendet auch schon mal den Holzhammer. Friedrich Merz
hockt auf einem Kaktus wie ein Geier, der auf seine Opfer lauert, Christian Lindner schafft es
tatsächlich, dass Olaf Scholz einmal aus seiner Lethargie erwacht, Robert Habeck schwankt mit
Sprache und Körperhaltung, Karl Lauterbach näselt, Markus Söder sticht zu. Es sind geniale
Schauspieler. Folgerichtig teilt Thomas Schreckenberger ihnen die passenden Rollen in Goethes Faust
zu, Lauterbach wird „armer Tor“, der teuflische Merz intrigiert, Angela Merkel darf sogar zum
Gretchen werden. Wie zeitlos Goethe ist, beweist auch sein „Erlkönig“. Da eilt jemand „durch Nacht
und Wind“, doch der Erlkönig hat sich in den Bahnchef verwandelt, der mit süßen, verlockenden Tönen
den den Zugverkehr preist. Das schaurige Ende war zu erwarten, „der Zug fällt aus“.
Schuld an dem Desaster sind Leute wie Scheuer und Dobrindt, die fürden Verkehr zuständig waren. Kein
Wunder, dass auch in der digitalen Welt alles schief läuft, gehört sie doch auch in desen Bereich.
Daten können per Pferd schneller übermittelt werden als per Internet, digitaler Unterricht ist eine
Katastrophe, wie natürlich auch der Lehrermangel, soziale Medien machen mutig, weil man da Dinge
schreibt, die man sich zu sagen nie trauen würde, Lernvideos helfen dem verlassenen Ehemann nicht
weiter, der persönliche Umgang ist gestört.. Wie würde heute das Letzte Abendmahl ablaufen? Jesus
will etwas ganz Wichtiges sagen, aber seine Jünger hören ihm einfach nicht zu, weil sie an ihren
Smartphones hängen. Auch unser Privatleben hat sich verändert. Wann ist ein Mann ein Mann? Wie
feiert man heute Kindergeburtstag? Topfschlagen? Das ist doch aggressiv! Schnitzeljagd? Fleisch ist
heute nicht mehr angesagt? Darf man heute noch in den Urlaub fliegen, wird saubere Luft bald ein so
kostbares Gut wie edler Wein?
Thomas Schreckenberger sucht nach Antworten, doch der letzte Ausweg ist nur ein hilfloses Lachen.
Oder die richtigen Nachrichten im Fernsehen. Als Zugabe erscheint Klaus Kinski in der Spätausgabe
und verliest die Neuigkeiten. Mit seinem Blick, mit seinem Tonfall können die nur schaurig sein.
Doch die Gäste im Kräuterkasten sind nicht erschreckt, sie sind begeistert, kommentieren den Abend
mit donnerndem Applaus und irrem Gelächter.
Ute Büttner
Coindra fine celtic music
Sangita Wyslich und Katharina Ostarhild im Kräuterkasten
Mit Geige, Gitarre, Gesang und Erzählungen entführten am Freitag Sangita Wyslich
und Katharina Ostarhild das Publikum im Kräuterkasten in die Welt der keltischen Musik.
Deren Mittelpunkt ist Irland, diese Insel, auf der es die Römer nicht lange aushielten, zu nass, zu
kalt, so dass dort die Kelten ihre Kultur halten und entwickeln konnten. Und ihre Musik wanderte
weiter, nach Schottland, in die Bretagne, dank irischer Auswanderer nach Amerika, in neuerer Zeit
gar bis in den Süden Europas.
Bei keltischer Musik denkt man zuerst an Jigs, Reels, fröhliche, einfache Melodien
mit gleichmäßiger Bassbegleitung, zu denen man tanzen, stampfen, klatschen, singen kann. Doch
Sangita Wyslich mit Geige und Gesang und Katharina Ostarhild mit Gitarre und Gesang zeigen an diesem
Abend, wie vielfältig und ausdrucksstark die Musik sein kann. Ein Walzer klingt nicht nach Strauß
oder Brahms, sondern nach Irland. Eine Gavotte wird keltisch. Die Künstlerinnen haben zudem eigene
Varianten und eigene Kompositionen eingestreut. Wenn Katharina Ostarhild übers weite Meer reist,
denkt man, sie stamme aus Irland, dabei kommt sie doch aus Albstadt. Erzählt werden auch die
Geschichten, die zu der Musik gehören, von der Taylor Bar, vom Los der Auswanderer, die in Amerika
in Minen arbeiten müssen, vom Musikanten, der von Haus zu Haus rennt, von der Sehnsuch nach der
Heimat, vom Meeresrauschen, vom Blick vom hohen Berg herab.
Die Instrumente setzen das um. Die Geige tanzt im Pub, wird melancholisch, stößt fragend einen hohen
Ton aus, wandert beschaulich durch die Landschaft, spricht eindringlich die Gitarre an, die
aufmerksam zuhört. Die Gitarre liefert das Fundament, entfaltet aber auch Eigenleben, ein abrupter
Akkord bringt quasi beide Instrumente zum Erstarren. Ein Schema, das sich typisch wiederholt,
tänzerischer Beginn, Pause, ein leichtes Zwischenspiel, dann zurück zum Anfangsthema. Und immer
wieder tritt Freude, Hoffnung aus „In the garden of my soul so many flowers grow“, „All you gonna
be, do, is your best“.
Perfekt angepasst sind auch die Stimen, ob Solo oder Duett, unisono, um eine ganz
wichtige Aussage zu machen. Sangita Wyslich und Katharina Ostarhild lassen sich nicht aus den Augen,
Sie führen singend und spielen Dialoge, Katharina Ostarhild tanzt mit der Gitarre zur Geige, Sangita
Wyslich blickt erstaunt auf die Freundin, sie stecken die Köpfe zusammen, sie wenden sich auch mal
ab, finden zusammen, wenn sie das Publikum ansprechen. Man merkt einfach, wie lange sie schon ein
Künstlerpaar sind.
Die Gäste sind voll dabei, klatschen mit, wiegen sich im Takt. Gegen Ende werden
sie gar nach Mittelerde entführt, und zur Melodie von „Herr der Ringe“ singen alle mit. Doch zum
Abschied geht es zurück in den Kräuterkasten, die Künstlerinnen bahnen sich musizierend einen Weg
durch den voll besetzten Saal, verschwinden dann. Der begeisterte Applaus zeigt, dass niemand diesen
Abschied will, dass alle diesen keltischen Abend gerne länger erleben würden.
Ute Büttner
„Es geht weiter“
Bauchredner Markus Winter im Kräuterkasten am 19. 10. 24
Mit Lachen als bester Medizin therapierte am Freitag der Herr Doktor Markus Winter
seine Patientinnen und Patienten im Kräuterkasten.
Als Arzt ist man es gewohnt, Anweisungen zu geben. So erfahren die Anwesenden
zuerst, wann man das Lachen einsetzen darf und vor allem, wie man richtig klatscht. Das müssen sie
lange üben, denn es werden wichtige Gäste erscheinen. Drache Hugo de Chateauneuf ist der erste
Gesprächspartner. Der wirkt aber gar nicht bedrohlich. Ihn interessieren vor allem die Frauen, die
Cheries. Die himmelt er an mit französischem Akzent, bezeichnet sie als „herrliche Damen“, während
er die Männer mit „dämliche Herren“ abfertigt. Wortspielereien sind ein roter Faden im Programm des
Abends, mal komisch, mal ironisch, mal kritisch. Nächste Gast ist allerdings wortkarg, grunzt,
brummt, schlägt mit einer Keule um sich. Aber Urman war schließlich auch 35000 Jahre im Gletschereis
gefangen. Wie war das? Kalt. Was hat er da gemacht? Gefroren. Das Leben früher? Jagd. Noch heute
macht er Jagd auf Filzläuse, die sind seine „Laufkundschaft“. Und noch ein Wesen erscheint, das in
unsere Landschaft gehört. In der unheimlichen schwäbischen Höhle haust die Fledermaus. Die hat sich
angepasst. Sie hängt kopfüber, weil das den Touristen aus Württemberg und Baden so gut gefällt.
Leute aus diesen beiden Ländern haben etwas gemeinam? Sicher, sie sind doch durch einen Bindestrich
vereint, Baden-Württemberg. Ein Gast erscheint mit Maske, Vinzenz, der Virus, ein Influenzer. Der
ist ganz traurig, weil ihn keiner mag, weil er keinen Erfolg hat. Aber es gibt einen Ausweg für ihn,
er soll doch einfach Politiker werden. Es ist frappierend, wie die Dialoge ablaufen, man hat
wirklich den Eindruck, dass zwei Partner sprechen. Unterstützt wird alles durch Mimik, durch Gestik.
Markus Winter ist nicht nur Bauchredner sondern auch genialer Puppenspieler. Dazu sorgt dröhnende
oder sanfte Musik für die richtige Atmosphäre.
Einmal hat der Künstler ein Problem. Er hat einen Floh, doch der Floh ist
entflohen. Also sucht er ihn im ganzen Saal, entdeckt einen, der nicht ihm gehört und findet ihn
schließlich auf dem Kopf eines jungen Mannes. Der Kontakt zum Publikum ist ganz wichtig. Markus
Winter spricht alle oder bestimmte Personen an, hat bei der Auswahl ein gutes Gespür. Er braucht sie
besonders als Helfer, wenn er sich als Zauberkünstler präsentiert, Sie müssen das Tuch mit der
richtigen Farbe aus der Dose ziehen, dafür sorgen, dass die richtige Flasche zum Vorschein kommt,
müssen Geldbeutel oder Autoschlüssel zur Verfügung stellen. kleine Missgeschicke werden souverän
beiseitigt. Und als ein Höhepunkt sollen ein Mann und eine Frau das Bauchreden lernen. Auf Handdruck
müssen sie den Mund öffnen und schließen, Stimmen ertönen, das Zusammenspiel klappt perfekt Der Mann
ist immer abweisend, doch die Frau ist liebebedürftig. Wenn sie dann singend gesteht, dass sie von
Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt ist, dazu ihren Gesichtsausdruck anpasst, hätte auch Marlene
Dietrich ihre Freude daran.
Große Freude hat das ganze Publikum. Zu Beginn der Veranstaltung hat Markus Winter
zwar Fluchtwege aus dem Kräuterkasten aufgezeigt, doch niemand im Saal will sie benutzen. Alle
wollen bleiben, noch mehr an Bauchreden, Zauberkunst erleben. Alle haben so viel gelacht, dass alle
schließlich als gesund entlassen werden können. Alle hoffen, dass in einem Krankheitsfall Dr. Markus
Winkler sie wieder im Kräuterkasten behandelt.
Ute Büttner
„In majn Harzn brent a Fajer“
Klezmergruppe Jontef im Kräuterkasten am 20. 9. 24
Wieder einmal besuchte die Klezmergruppe Jontef mit Michael Chaim Langer, Sprecvher
und Gesang, Joachim Günther, Klarinette und Akkordeon, Wolfgang Ströle, Geige und Gitarre und Peter
Falk, Kontrabass, den Kräuterkasten, berichteten Neues und Bekanntes aus dem jiddischen Leben.
„Rebbes Tanz“ zu Beginn. Geige, Akkordeon, Kontrabass schaffen die richtige Atmosphäre,mal etwas
eintönig, dann gewichtig, dann frisch bewegt und hell, die Stimmen mischen sich ein. Damit ist
angesagt, was der Abend bringen wird, Komik und Unbekümmertes, aber auch Nachdenkliches und
Trauriges.
Es geht um menschliche Probleme, um den verliebten Jungen, der von seinem besten
Freund verraten wird, um strafende und einfühlsame Eltern, um die schwierige Brautsuche, wenn man
leider sehr klein gewachsen ist, umgekehrt auch um die düstere Aussicht, einen Mann heiraten zu
müssen, den man nicht will. Man kann nicht mit seiner Herkunft prahlen, denn „ ..dein Sigmund ist
kein Freud“. Wie geht man als Geistlicher mit einem Eindringling um, der angeblich Wunder
vollbringen kann. Geldgier und Geldsorgen treiben die Menschen um. Doch richtig betroffen ist man,
wenn in „Gehabt habe ich ein Heim“ erzählt wird „Gekommen sind sie mit Feindschaft, Hass und Tod.“.
Das alles wird musikalisch umgesetzt. Geige, Akkordeon, Bass begleiten den Sänger,
der gleichzeitig ein genialer Schauspieler ist. Wie er dasteht, mit beiden Beinen fest verankert am
Boden, wie er die Leute im Saal mit Blicken fixiert, wie er grinst oder nachdenklich schaut, wie
seine ausholenden Arme unterstreichen, was er sagt. Er erzählt singend, mal lakonisch, dann
betroffen oder wieder unbekümmert. Zur Bestätigung dessen, was er zu sagen hat, unterstützen ihn die
Instrumentalisten immer wieder mit ihren Stimmen. Michael Chaim Langer erzählt auch einfach
Geschichten, dann steht man mit ihm unter dem Baum, auf dem das heiratsunwillige Mädchen sitzt,
sitzt mit am Tisch, wenn die Frau ihren Ehemann, den verstörten Rabbi beruhigt.
Etwas Besonderes sind die musikalischen Zwischenspiele. Auf das Gespräch von Mutter
und Tochter folgt „zu zweien“ für Geige und Bass, komponiert von Wolfgang Ströle. Der Bass setzt
ungewöhnlich hoch ein, darüber schrillt aufgeregt die Geige, der Bass wird beruhigend dunkel. Die
Geige spielt allein, dann hat der Bass sein Solo. Beide treffen sich einig im Unisono um sich dann
wieder im Duett zu streiten, dann endet das Zwiegespräch ganz leise.
Doch schließlich die Klarinette. Sie gehört einfach zu Klezmer. Wenn sie ertönt,
fühlt man sich angekommen. Begleitet wird sie von Gitarre und Bass, aber sie führt ihr Eigenleben.
Sie jubiliert in höchsten Tönen, spitz oder gebunden, sie schlendert unbekümmert daher, hält abrupt
inne. Sie nimmt mit „Was Nejes“ so die Stimmung des vorherigen Liedes auf und wenn sie in ganz
tiefen Lagen endet, nimmt sie die Trauer des folgenden Liedes „Frunse verde“ auf. Joachim Günther
hat die Stücke komponiert, er ist einfach völlig mit der Klarinette verbunden.
Auch als Gruppe verkörpert Jontef den Inhalt ihrer Lieder. Bass und Akkordeon
bilden die Basis, geben die Stimmung vor mit Walzertakt, Punktierungen, beharrlichem gleichmäßigen
Rhythmus. Darüber führt die Geige ihr Eigenleben in einer Vielfalt, die man nur bewundern kann. Ein
eingestimmtes Team, was sich auch im gemeinsamen Gesang zeigt, vier Künstler, die auf einander
hören, Kontakt halten, zusammen gehören. Sie vermitteln Schwermut und doch auch Leichtigkeit, bei
allen problemen soll die Freude nicht zu kurz kommen. „Spiel mir ein Lied aud Jiddisch, erwecken
soll es Freude“.
Jontef bedeutet Festtag. Dieser Abend war für das Publikum im Kräuterkasten
wirklich ein Fest und alle hoffen, dass er sich bald einmal wiederholt.
Ute Büttner
Romeo und Julia im Kräuterkasten am 12. April 2024
Mit Bernd Lafrenz
“Romeo und Julia”?, das ist doch von Shakespeare. Ach ja, da steht “mit” Bernd
Lafrenz, nicht “von” Bernd Lafrenz. Welche Rolle spielt er denn, den Romeo? Nun er spielt alle, die
in dem Drama eine wichtige Rolle spielen, neben Romeo dessen Freunde Mercutio und Benvolio, seinen
Diener Balthasar, die verfeindeten Grafen, Tybalt, Pater Lorenzo. Und wer spielt die Frauen?
Natürlich auch Bernd Lafrenz, die Julia, ihr Mutter Gräfin Capulet, ihr resolute Amme.
Das ist ja kompliziert, da muss er dauernd die Kleidung wechseln. Oh nein, eine
Mütze reicht, eine Krone macht ihn zum Prinzen, ein Tuch reicht für Julia. Nur Pater Lorenzo braucht
etwas länger für seine Soutane. Aber er singt dazu ja auch ganz langsam und salbungsvoll und das
Publikum im Kräuterkasten wird zur andächtigen Gemeinde, wenn er Romeo und Julia traut. Mit
Mendelssohns Hochzeitmarsch greift Lafrenz allerdings der Zeit etwas voraus. Aber das macht er auch
mit der Sprache. Heute ist es für viele schwierig, die Ausdrucksweise Shakespeares zu verstehen.
Also verwendet Lafrenz meistens unseren Wortschatz. wenn sich zu Beginn die verfeindeten Anhänger
der beiden Familien Montague und Capulet beschimpfen, schreit einer “du Dreckssack”, das kapiert
heute jeder. Der Prinz schlichtet den Streit mit klaren Worten. Die Freunde geben Romeo gute
Ratschläge, wie sie es heute machen würden, wenn Julia und ihre Mutter streiten, klingt das für uns
völlig bekannt. Julia hört sich für uns wie ein normales junges Mädchen an. Nur Romeo macht
Ausnahmen, dann wenn es für ihn wichtig ist. Als er Julia auf dem Maskenball trifft, wird seine
Sprache richtig poetisch.
Und wie wird die Handlung umgesetzt? Lafrenz wechselt blitzschnell, greift auch zu
einem Notbehelf, etwa beim Duell, als Mercutio stirbt. Da durchbohrt die Klinge einfach ein
Eisengitter. Auch Blut tropft nur imaginär aber höchst anschaulich von seiner Hand.
Die Handlung ist durchaus kompliziert und das Drama dauert eigentlich ziemlich
lange. Aber auch hier weiß Lafrenz Abhilfe. Er hat die allerwichtigsten Szenen ausgesucht, den
Streit am Anfang, um das Problem zu klären, den Maskenball, Julia am Fenster, Romeo im Garten, die
Trauung, die Toten, die Romeos Verbannung zur Folge haben, ihr letztes Zusammensein, bei dem
natürlich Julias Tausch von Nachtigall und Lerche nicht fehlen darf, Lorenzos Plan vom Scheintod
Julias und dessen Umsetzung. Warum Romeo dann die falsche Nachricht erhält, wird nur erzählt, nicht
gespielt, aber wichtiger ist ja seine Reaktion, der Giftkauf, seine Rückkehr nach Verona, seine
Trauer um Julia, die leider erst zu spät erwacht. Eine weitere wichtige Rolle spielt Lafrenz noch.
Er wird immer wieder zum Erzähler, erklärt, was passiert, kommentiert, “Stellen Sie sich vor,
welches Risiko Romeo da eingeht..”.
Romeo und Julia ruhen nebeneinander, kein Wort mehr, keine Reaktion. Das Publikum
im Kräuterkasten reagiert völlig anders, verfolgt begeistert und lachend das Geschehen, spendet viel
Applaus. Es hat nach diesem Abend garantiert noch ganz viel mehr Lust auf Shakespeare und Bernd
Lafrenz.
Ute Büttner
Der Chor der Mönche Freitag, 12. Januar 2024
A-capella Quartett im Kräuterkasten
Wieder einmal vertauschten die Mönche Wolfgang Vogt, Michael Niethammer, Volker
Siegle und Herbert Carl mit Gitarre und Tuba das Kloster mit dem Kräuterkasten.
Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Lauter Gläubige? Es herrscht
ehrfurchtsvolle Stille, als die Mönche einschreiten, mit einem salbungsvollen “Salve” grüßen. Alles
lauscht, gemäß der Aufforderung “Audite nunc”diesem Balsam der Seele. Aber dann wird es lebhafter.
Drei Kutten fallen. Einer zögert noch, doch sein “lasst uns froh und munter sein” geht unter. Die
anderen helfen ihm beim Ausziehen zu den ganz weltlichen Klängen von Ungarischer Tanz.
Damit sind die Besonderheiten dieser Gruppe klar. Sie singen großartig von
Gregorianik über Volksmusik bis zum Schlager. Sie spielen, was sie singen, sei es als Paar, als
Einzelgänger gegen ein Trio, als einträchtiges Quartett. Als Gruppe haben sie sich in einer Tübinger
Kapelle gefunden, deshalb treten sie, klar, a-capella auf, zeigen schon damit ihr Gespür für
Wortspielereien.
Jetzt haben sie also dem Zölibat abgesagt, sind gestandene weltliche Männer, geben
der Frau Ratschläge, sie soll keinen jungen Schnösel oder reichen Mann wählen sondern “nimm miii”.
Gitarre und Tuba unterstützen. Die Tuba klingt zunächst völlig holprig, was die anderen
stirnrunzelnd tadeln, aber dann schafft es dieses unförmige Instrument tatsächlich zu “Amazing
Grace”. Aber nicht nur Frauen beschäftigen diese Vier. Sie tauchen ein in die Probleme der
Vergangenheit und der Gegenwart und ziehen hinaus in die weite Welt. Sie besuchen Rulaman und seine
verwirrende Beziehung zu Rula. Sie erzählen, wie und warum die Chinesen das Jodeln erfunden haben.
Jeder Alpenländer müsste neidisch werden, wie sie diese Technik bis hin zum Schuhplattler
beherrschen. Sie untersuchen die komplizierten schwäbischen Verwandtschaftsverhältnisse, wie aus dem
Bäsle eine Kusine wird, wie das die nouvelle cuisine zur Folge hat, was ein streitduo über die
richtige moderne Ernährung hat “des dät dir au gut”. Sie testen, ob Meditation wirklich hilft. Sie
werfen kritische Blicke auf gewisse Bürger, “viele denken nicht und sagen´s doch”. Sie finden aber
auch einfache Lösungen: Antragsformulare aller Art werden in den Ofen geworfen und verbrannt, dann
sind sie sogar nützlich, weil sie so schön wärmen. Sie gehen auf die neuen Verkehrsmittel ein. Ein
breiter Hut auf dem Kopf entführt die Gäste in die USA, und siehe da, der Westernheld fährt jetzt
auch einen SUV. Für Schwaben ist der allerdings nicht immer nötig, denn “wer nix schafft, braucht
auch kein SUV”. Die Schwaben wissen sowieso, was gut ist. Mit Zylinder auf dem Kopf stehen sie da
wie der klassische Männergesangsverein und preisen mit einem Loblied den Most. Ein Problem hat sich
in den vergangenen Jahren nicht gelöst, allerdings sehr zur Freude derer, die es noch nicht kennen,
und derer, denen es vertraut ist. Wieder stehen sie am Bahnhof ratlos vor Fahrplan und Automaten und
fragen, wie man zwischen all den Orten mit...ingen, ....stetten mit dem Zug nach Bempflingen kommt.
Doch dann zeigt die durchkomponierte Suebian Rhapsodie nochmals, was der Schwabe alles kann. Weil
das der Abschluss sein soll, ist folgerichtige “Muss I denn zum Städele hinaus” eingebaut. Doch so
kommen die Künstler nicht davon.
Die erste Zugabe bringt einen Zusammenschnitt des Programms. Die zweite bringt
Glückwünsche für das neue Jahr und das harmlose Versprechen “wir helfen Euch trinken” wenn es um die
Reste des Weins vom Vorjahr geht. Doch diese Ausrede ist überhaupt nicht nötig. Das Publikum, das
seine brave Stille am Anfang in schallendes Gelächter und Klatschen gewandelt hat, ist so
begeistert, dass es diese weltlich gewordenen Mönche immer wieder freudig begrüßen wird.
Ute Büttner
Zauber der “Raunächte” 24.11.23
Sigrid Maute und Regina Nerz im Kräuterkasten.
Vier Wochen vor dieser geheimnisvollen Zeit berichteten am Freitag die
Erzählkünstlerin Sigrid Maute und die Kräuterfachfrau Regina Nerz dem großen, vornehmlich weiblichen
Publikum im Kräuterkasten vom Zauber der Raunächte, der Zeit zwischen den Jahren.
Sigrid Maute gibt eine Einführung, wann, wie, warum diese Nächte wohl im
Volksglauben entstanden sind. Sie erteilt erste Mahnungen, dass man etwa nachts nicht ins Freie
gehen sollte, gibt Deutungen, warum das als gefährlich empfunden werden könnte. Sie zählt besonders
gefährliche Nächte auf, etwa am 24. Dezember. Sie warnt junge Frauen und warnt vor alten Frauen, vor
denen besonders am Neujahrstag. Sie weiß, dass Hausreinigung und offene Fenster Geister vertreiben,
dass man keine Wäsche waschen solle,. dass aber geöffnete Fenster auch guten Geistern Einlass
gewähren. Regina Nerz stellt sich als Fachfrau für Kräuter vor. Sie ist aber auch Fachfrau für
Hilfe, denn sie beantwortet Fragen und erklärt, wie Kräuter so gut wirken gegen Übel, die von außen
kommen oder im Innern der Menschen nisten.
Sigrid Maute entfaltet ihre ganze Kunst als Erzählerin. Ruhig, aufrecht steht sie
da, blickt die Gäste eindringlich an. Ihre Bewegungen sind sparsam, aber wirkungsvoll, etwa wenn sie
den Arm langsam aufrichtet, um zu zeigen, wie Pferd und Reiter den Hang erklimmen, verharren, blickt
ihnen betroffen nach, wenn sie abstürzen. Sie verändert die Stimme, wenn die Bäuerin in der
Geschichte “Frau Holles Apfelgarten” barsche Antworten gibt. Sie schreit bei Bedarf, doch dann
bezaubert sie, wenn Frau Holle spricht. Denn Frau Holle erscheint nicht, wie wir es von Grimms
Märchen her gewöhnt sind, als hässliche alte Frau sondern als schöne junge Frau, gar als Göttin.
Doch typische Märchenmerkmale sind in den Geschichten erhalten. Etwa die Zahl Drei, wenn in “Der
Kräuterdieb” die beiden älteren Brüder kläglich scheitern, der dritte aber, der jüngste alle
Schwierigkeiten meistert.
Kräuter sind ja so wichtig. Das zeigt Regina Nerz. Sie sind zum Reinigen da. Regina
Nerz stellt ganz viele Pflanzen da, die man zum Räuchern verwenden kann, wie Indianersalbei,
Johanniskraut, auch Rosen, Wacholder, Holunder. Sie erklärt, welche Teile man verwenden sollte, was
am besten hilft gegen böse Geister im Haus, welche Pflanzen das körperliche und seelische
Wohlbefinden der Menschen steigern. Unterstützt wird sie von Sigrid Maute, die passend die
Geschichte “Holunder tut Wunder” einfügt. Und dann haben sich die beiden Frauen noch etwas
Besonderes ausgedacht. Die Gäste sollen alle ins Freie kommen. Dort entzündet Regina Nerz Kräuter in
einer Schale, lässt alle den Duft einatmen, lässt sie die Wirkung spüren. Zur Stärkung für den Gang
nach draußen erhält jeder zuvor an der Theke einen Holundertrunk. Aber das Räuchern wirkt
anscheinend auch an der frischen Luft gut. Es hat wohl die bösen Wettergeister vertrieben, denn es
schneeregnet gerade nicht mehr. So sind alle gut gelaunt und versammeln sich wieder im Saal. Der
Abend schließt mit der Erzählung “Das ausgemachte Licht”.
Dem Publikum ist aber ein Licht aufgegangen. Die Raunächte können kommen. Alle, die
diesen Abend erleben durften sind dankbar, denn nun sind sie gut gerüstet für diese Zeit. Sie werden
sie gut überstehen, gut ins neue Jahr kommen, dafür haben Sigrid Maute und Regina Nerz gesorgt.
Ute Büttner
Wolfgang Brandner im Kräuterkasten am 17.11.2023
Einen Klavierabend der eigenen, besonderen Art bot Wolfgang Brandner am Freitag im
Kräuterkasten.
Jazz ist angesagt in all seinen Variationen. Jazz, entstanden in Amerika, gespielt von einer Gruppe.
Er wird auch in anderen Ländern übernommen, die Vorgaben für Rhythmus, Klang ändern sich.Solisten
kommen dazu. Wolfgang Brandner ist allein und hat nur zwei Hände und ein Klavier, aber damit
übernimmt er alles, Thema, Verzierung, Solist, Begleitung, Improvisation. Wenn er spielt, hat man
den Eindruck, als komme ihm alles gerade jetzt in den Sinn, was er da musikalisch ausdrückt.
Grundlage sind bekannte Stücke und Komponisten, Chick Corea, Pat Metheney, aber auch die Beatles
kommen zu Ton und Händel und Chopin als Vertreter der sogenannten ernsten Musik. Vor dem Spielen
gibt er immer eine launige Einführung.
Es ist faszinierend, wie er improvisiert. “But Beautiful” (van Heusen/ Burke) beginnt eher
besinnlich, Triller umschmeicheln die Melodie, die eingebettet ist zwischen rhythmischem Bass und
Akkorden oben, Molltöne sorgen für das typische Flair. “I´ll remember April” (de Paul/ Raye/
Johnston) regt die Vorstellung an. Die Finger rennen wie viele, eilige Leute über die Tasten,
verharren dann in einem Dialog. Ganz anders “April Joy” (Metheney). Die Melodie klingt zunächst fast
eintönig, dann einzelne Läufe, ein Klopfen, der Bass greift ein. Jede Stimme entwickelt ein
Eigenleben, dann endet alles in dumpfem Grollen. Die Hommage an die Beatles ist sicher ein Highlight
für die im Publikum, die nicht mehr ganz jung sind. Wenn etwa “The Fool On The Hill” anklingt, sieht
man die Gruppe förmlich vor sich, möchte mitsummen, staunt, wie der Interpret rhythmisch und
klanglich abändert und trotzdem die Melodie klar erkennbar sein lässt. So auch bei “Toujours”
(Fauré). Das Thema klingt in der Mitte, dann erhebt sich eine Stimme, die sich ständig wiederholt,
als habe sie etwas ganz Wichtiges zu sagen. Bei “Black Orpheus” (Bonfa) dominiert nicht der Bass als
Fundament. Jede Stimme erhält einmal die Oberhand, so wie ja auch in einer Gruppe die Solisten
wechseln.
Der Ausflug in die ernste Musik beginnt mit Händel. Die “Sarabande” ist zunächst völlig authentisch,
schreitet feierlich daher. Dann wird es lebhaft, im Bass dröhnen Schläge, ganz oben dagegen fallen
leise Töne wie Tropfen, ein tiefes Grollen ertönt und zum Schluss ertönt wieder die echte Sarabande.
Wie variabel Chopin ist, zeigt sich in der Improvisation über “Valldemossa-Fantasy”. Akkorde,
Molltöne, eine Melodie wie ein Traumgebilde, eine Stimme, die sich anhört, als schlendere jemand
friedlich vor sich her und summe dabei.
Eine der Zugaben ist “Summertime”, damit geht der Jazz sozusagen wieder zurück zu seinen Anfängen in
Amerika. Das Klavier wurde beim Jazz als Instrument sehr spät erst eingesetzt. Das Publikum im voll
besetzten Kräuterkasten ist aber sehr dankbar dafür, dass dieses Instrument jetzt mitspielen darf,
konnte es so doch, obwohl es nicht mehr Summertime sondern November ist, einen leuchtenden Abend
genießen.
Ute Büttner
„Hands-Up-Comedy“

Günter Fortmeier im Kräuterkasten (20.10.23)
Mit Händen und Puppen, mit Licht und Schatten, mit Stimme und Harmonika
begeisterte Günter Fortmeier am Freitag das Publikum im Kräuterkasten.
Ein Blick auf die Bühne. Sind wir heute im Kaspertheater? Wir sind doch erwachsen! Doch da
marschiert der Künstler mit seiner Harmonika ein, begrüßt die Gäste mit einem Loblied auf
Albstadt. Dann stellt er seine Mitwirkenden vor, Klaus-Manfred und Röttger. Und die erscheinen
jetzt auf der Bühne, keine Puppen sondern eine rechte und eine linke Hand, die sich eifrig
unterhalten, sich vorwurfsvoll oder freundlich oder nachdenklich anblicken. Die die Lage falsch
einschätzen, „du musst von der anderen Seite her kommen“ , aber das ist ja anatomisch nicht
möglich, die aber auch erkennen, was möglich ist: Ein dritter Mitspieler kann nicht kommen, denn
der Strippenzieher hat ja schon „alle Hände voll zu tun“. Aber eine Hand kann noch viel mehr,
wenn sie etwa durch den Arm verlängert wird. Dann wird sie zu Herr Schröder, der auf dem
Arbeitsamt eine Stelle sucht. Es ist faszinierend, wie der „restliche“ Günter Fortmeier mit
Amtsdeutsch versucht, mit diesem aggressiven Bewerber umzugehen, der auch vor körperlichen
Attacken nicht zurück schreckt.
Wie gut Günter Fortmeier nicht nur seine Hände sondern auch seine Stimme beherrscht, zeigen die
Szenen als Bauchredner. Da sitzt er und unterhält sich mit einer Handpuppe, dem Vogel Schnabel.
Der ist traurig, weil ihm die Flügel gestutzt wurden. Sein Gejammer versucht sein Halter mit
tröstenden Worten zu dämmen. Auch ein Hase erscheint, der mal fröhlich ist, dann wieder weint.
Auch er kann beruhigt werden. Zum Abschluss der Dialoge schafft es Günter Fortmeier tatsächlich,
sich auch noch seine Harmonika umzuhängen und mit seinen Gesprächspartnern zu singen.
Ein Höhepunkt ist das Schattentheater. Der Raum ist abgedunkelt. Dann erscheinen auf dem
einzigen Lichtfleck die Hände in verschiedenen Rollen. Eine Ente reißt den Schnabel auf, sträubt
die Federn. Ein Vogel schwingt sich durch die Lüfte, ein Hase hoppelt heran. Ein Hund knurrt
bedrohlich und fletscht die Zähne, greift andere Tiere an. Eine Forelle, die allerdings als
Schnitzfigur, schwimmt heran und wird von einem „handlichen“ Krokodil gefressen, darf aber als
Skelett wieder entweichen. Auch Menschen treten auf. Einer erklärt, wie man die Masken, die ja
von Corona übrig sind, jetzt furchterregend zu Halloween verwenden kann, liefert anschauliche
Beispiele. Udo Lindenberg singt mit seinem bekannten Timbre, Angela Merkel zieht ein Fazit. Der
Künstler verwendet nicht nur die Hände, agiert mit vollem Körpereinsatz. Die Gäste erhalten auch
eine kleine Unterrichtsstunde, wie das mit dem Schattenspiel geht, aber um das nachzumachen
braucht es viel Talent und Übung. Schließlich erklingt zum Abschied „leise servus“.
„Ich liebe Albstadt“, das bekräftigt Günter Fortmeier immer wieder laut singend an diesem Abend.
Für das Publikum im voll besetzten Kräuterkasten kann man sagen, es liebt Günter Fortmeier und
diesen Abend , sagt nicht leise servus sondern verabschiedet ihn mit lautem, langem Applaus.
Ute Büttner
Französisch lernen in einer Stunde
Etienne Gillig im Kräuterkasten am 6. 10. 23
Fast zwei Stunden lang lehrte Etienne Gillig das Publikum im Kräuterkasten, was
man über Franzosen und Deutsche, über Französisch und Deutsch wissen muss.
Das Klassenzimmer im Kräuterkasten ist voll besetzt mit Schülerinnen und
Schülern aus Albstadt und auch aus Chambéry, französische und deutsche Stimmen schwirren
durcheinander. Aber Etienne Gillig ist ein erfahrener Lehrer. Er blickt auf seine Taschenuhr,
und exakt um 19.30 Uhr geht der Unterricht los. „Schöne Nacht..“ singt er mit seinem Cello, und
sofort wird es ruhig. Ja, er weiß, wie man mit seinen Schutzbefohlenen umgehen muss, spricht sie
direkt an, lässt sie im Chor nachsprechen, was er vorsagt. Er schreibt mit Kreide alles Wichtige
auf eine Schiefertafel, löscht dann folgerichtig mit einem Lappen. Er verwendet wunderschöne
Plakate als Anschauungsmaterial, wird selbst zur Landkarte, sein Kopf markiert Paris, die Arme
weisen nach Amerika und Deutschland.
Man muss das Lernen einer Sprache leicht machen: der Film-le film, das Telefon
– le téléphone. Es gibt aber auch Abweichungen. Der Präsident? Ein eifriger Schüler ruft
„Macron“. Doch aufgepasst im alltäglichen Leben. Wenn man im Lokal arglos „une bier“ bestellt,
erhält man Byrrh, einen Apéritif. Und Franzosen haben oft einen genaueren Blickwinkel, eine
Großnichte ist eine petite niece. Aber trotz allem, die Deutschen lieben die Franzosen,
schließlich lieben sie alle Sorten von Sossen. Etienne Gillig liebt das Spiel mit Worten, auf
Deutsch und auf Französisch. Das zeigt sich, als er in einem Brief an die Steuerbehörde logisch
Begriffe wie Einkünte-Auskünfte, Einnahmen-Ausnahmen verbindet. Und er unterrichtet auch
Geschichte, zeigt die Verbundenheit zwischen Deutschen und Franzosen, angefangen mit
Charlemagne, alias Karl der Große, bis zu Treffen von Aristide Briand mit Gustav Stresemann,
Jacques Chirac mit Gerhard Schröder.
Doch Musik ist eines seiner Lieblingsfächer. So schafft er es, dass seine
Schüler im Kanon singen, die eine Gruppe „Bruder Jakob“, die andere „Frére Jacques“. Er
schlendert mit ihnen über die Champs-Elysées. Er singt im Marschtempo und zieht dabei drei Hüte
vom Kopf, blau, weiß, rot. Er preist, was „Ein Freund, ein guter Freund“ bedeutet und wird bei
„Cèst la romance de Paris“ zu einer anmutigen Interpretin. Schließlich beweist er das gute
Verhältnis der beiden Länder, indem er die „enfants de la Patrie“ auf dem Klavier, zu „Einigkeit
und Recht und Freiheit“ auf dem Cello streben lässt. Folgerichtig schließt der Abend, der mit
Jacques Offenbach begann, mit Marlene Dietrich, die auch in beiden Ländern lebte.
Das Publikum im Saal ist von Kopf bis Fuss auf Begeisterung eingestellt,
begleitet mit schallendem Gelächter den Unterricht, möchte gar nicht, dass er aufhört, bedankt
sich mit andauerndem Applaus. Abgewandelt muss man sagen: „C`était ci bon!“
Ute Büttner
„Le Duo For me-dable“

Marc Delpy und Franco Ferrero im Kräuterkasten
Mit bekannten und beliebten französischen Chansons und eigenen
Kompositionen unterhielten am Freitag Marc Delpy, Gitarre und Gesang, und Franco Ferrero am
Akkordeon die Gäste im Kräuterkasten.
Es ist tatsächlich wahr, nach monatelanger Pause gibt es wieder eine
Veranstaltung im Kräuterkasten, natürlich unter den heute geltenden strengen
Verhaltensregeln. Das tut der guten Stimmung aber keinen Abbruch, dafür sorgt das
„Duo For me-dable“ mit Erinnerungen an Größen wie Edith Piaf, Yves
Montand, Charles Aznavour, Serge Gainsbourg und mit eigenen Kompositionen von Marc Delpy,
die sich nahtlos einpassen.
Marc Delpy stellt die Titel immer vor, gibt Informationen zum Inhalt, den
Verfassern, den Interpreten. So verfolgt man dann in „La Bicyclette“ die
Fahrräder, wie sie immer schneller ihre Runden drehen, mühelos gefolgt von Marc
Delpy, der erzählt, was passiert. Die französische Sprache ist wirklich wie
geschaffen für Geschwindigkeit. Betrieb herrscht auch, wenn „Paris
s'éveille“. Stimme und Gitarre trippeln durch die Straßen, es werden
immer mehr, sie werden immer schneller und darüber zeichnet mit langen Tönen das
Akkordeon, wie es langsam Tag wird, eine perfekte Morgenstimmung. Fröhlich und
unbeschwert trifft man sich dann im „Café des amis“. Die Instrumente und
Marc Delpys Stimme sind überaus wandlungsfähig, fröhlich, fragend,
melancholisch, sind gut auf einander angepasst und führen trotzdem ein Eigenleben. Wenn
der Schaffner in guter alter Zeit die Fahrkarten knipst, schlagen sie unisono kräftig
Löcher. Wenn „La mer“ Sehnsucht weckt, verklingt Franco Ferreros Akkordeon
immer leiser in der Ferne. Ein Wanderer schlendert vergnügt durch die Landschaft,
Charles Aznavour ergreift Fernweh beim Anblick eines Dampfers und die Musik wiegt sich wie
Wellen im Dreiertakt. Das Akkordeon gehört für uns einfach zum französischen
Chanson, es ersetzt eigentlich ein ganzes Orchester. Als die Künstler das Loblied
„Accordéon“ anstimmen, fällt es schwer, selbst ruhig zu bleiben. Und
Franco Ferrero erhält seinen Sonderauftritt, den er und sein Instrument wirklich
verdient haben. „Je suis seul“, singt er zur eigenen Begleitung, und die Gitarre
und Marc Delpy halten inne, schweigen und lauschen. Allein sein, zusammen sein, sorglos oder
zweifelnd, dieser Zwiespalt zeigt sich immer wieder, vor allem in den Chansons von Marc
Delpy Man muss unterscheiden zwischen Traum und Wirklichkeit, man kann Schokolade lieben und
darf trotzdem nicht die ungenießbaren Seiten des Lebens vergessen. Man kann Trost
finden. Wer denkt da nicht an Edith Piaf. Doch heute spricht Marc Delpy „Milord“
an. Es ist einfach erstaunlich, wie er dieser Einladung seinen eigenen Stempel
aufdrückt, nicht versucht zu imitieren, nüchterner, sachlicher und völlig
glaubwürdig.
Das trifft auch zu, wenn „Non, rien de rien, non, je ne regrette
rien“ das Programm abschließt. Das Publikum stimmt dem völlig zu. Es
bedauert auch überhaupt nichts, vor allem nicht, dass es sich an diesem Abend im
Kräuterkasten eingefunden hat. Es erklatscht sich zwei Zugaben und ist sich völlig
einig mit Bezug auf den Titel von einem vorgetragenen Chanson: „C' était
très très magnifique!“
Ute Büttner
„Rumgekommen“
Mustermann und die Motzlöffel am 24. 1. 2020 im Kräuterkasten
Martin Ehmann, Ulrich Gohl und Ulrich Heinz erreichten am Freitag bei ihrem
Rumkommen wieder einmal den Kräuterkasten und unterhielten die, die schon da waren, mit
ihrem Nummernkabarett.
Die Bezeichnungen Mustermann und Motzlöffel passen vollkommen, sie
mustern und motzen in rasch aufeinander folgenden Szenen. Das beginnt schon bei der
Begrüßung. Heute reicht es doch nicht mehr, „Liebe Ebinger und Ebingerinnen
zu sagen“, aber „Ebingende“ geht auch nicht, oder ist
„Ebingen“ ein Verb? Dann mustern sie weiter und motzen nach Bedarf. Eines ihrer
Lieblingsobjekte ist die Sprache, Schwäbisch, das sie in schwäbischem Hochdeutsch
fast wissenschaftlich untersuchen, etwa Wörter wie saumäßig oder
schäbs. Sie spielen mit Worten, fragen, was ein Nang ist, der in Backnang gebacken
werden soll, ordnen die Autoschlange in die Klasse der Würgeschlangen ein. Sie nehmen
Bezug auf die klassische Literatur, „Pfand oder nicht Pfand, das ist hier die
Frage“ und beweisen die eigene Sprachfertigkeit mit saukurzer Lyrik: Titel:
„Unbekanntes Gebäck“ Text: „Davo zwei“.
Sie werfen ihren kritischen Blick auf regionale Besonderheiten,
Gesellschaft, Politik. Stuttgart und Ebingen sind sich durchaus ähnlich, wenn man die
Baustellen zählt, Ebingen ist zudem moralisch verdächtig, da wurde mal eine Villa
verschoben. Sie gehen vom Besonderen ins Allgemeine, machen sich, wenn sie die Zutaten zum
typischen Ebinger Sauertopf auswählen, über den modernen Ernährungswahn
lustig. Sie schweifen in die Vergangenheit, beweisen, dass sie selbst schon vor Jahren den
Klimawandel erkannten, als sie einen Mann in Köln erfanden, der sich freute, dass die
Nordsee jetzt bis an seine Stadt reichte und keine Niederländer mehr die Straßen
verstopften. Sie schweben aber auch mit dem Raumschiff Orion in die Zukunft. Die Landung in
Stuttgart erweist sich als schwierig, das ist jetzt völlig grün, weil autofrei,
dort regiert jetzt Fritz Kuhn III und landen darf auch ein Raumschiff nur, wenn es eine
Feinstaubplakette vorweisen kann. Aber gegen Schmutz und Staub haben Mustermann und
Motzlöffel Mittel gefunden, die sogar bewirken, dass sich die Menschen näher
kommen, etwa wenn sie gemeinsam mit Zahnbürsten die Straßen reinigen oder im
völlig überfüllten Nahverkehrszug in körperlichen Kontakt treten.
Politisch werden sie auch, wenn sie im Grundgesetz blättern, den 70 Jahre alten
§17 „Eigentum verpflichtet“ auf heutige Verhältnisse beziehen. Was man
heute wohl so von Politik hält, das lassen sie eine Marionette aussprechen, die als
Putzfrau Möpple höchst grob und kurz den heute agierenden Politikern, ob Mann oder
Frau, die Leviten liest.
Aber das Publikum im voll besetzten Kräuterkasten motzt überhaupt
nicht, es mustert die Künstler beifällig, lacht schallend und spendet begeistert
Applaus.
Ute Büttner
Kanaren-Krimi 29. 11. 2019
Krimiautor Peter Wark im Kräuterkasten
Am Freitag las Peter Wark aus seinen drei Kanaren-Krimis,
„Versandet“, „Absturz“ und dem zuletzt erschienenen
„Meeresgrab“.
Eigentlich beginnt alles so friedlich in „Versandet“. Da baut
einer auf La Palma am Strand eine Sandburg. Doch schon der Burgbauer Martin Ebel hat
Probleme, mit der eigenen Vergangenheit, Rechtsanwalt in Deutschland, mit seinem Leben jetzt
als Mountainbike-Guide auf der Insel, mit Bekannten und Vorgesetzten. Da die Krimis alle in
der Ichform geschrieben sind, kann man sich gut in den Titelhelden hinein versetzen, mit ihm
grübeln „Was ist Heimat?“ Und jetzt gibt es eine Leiche!. Peter Wark
wählt die vorgelesenen Passagen gut aus, gibt dazwischen die notwendigen
Erklärungen ab. Aber natürlich verrät er keine Auflösung des Falles. Er
lässt seine Zuhörer mit Martin Ebel ratlos stehen vor dem gruseligen Raum, in dem
nur sind der des Mordes Verdächtige, einer, der den Mörder überführen
will und viele Ratten.
Ähnlich verfährt Peter Wark mit dem zweiten Roman
„Absturz“ und der brennenden Frage „Wo ist Miquel?“ Trotz dieser
Spannung nimmt sich der Autor viel Zeit, schildert ganz genau, wie schwierig es ist, einen
Landrover über die Inselstraßen zu steuern, übt fast beiläufig Kritik
an den mit Trekkinghosen „verkleideten“ Touristen, die zudem viel zu viel
wegwerfen, wie man schon in „Versandet“ erfahren musste. War es Unfall oder
Mord? Das beantwortet er nur mit „Jemand hat nachgeholfen“ und entlässt das
Publikum ganz unschuldig in die Pause mit „noch Fragen?“
Der zweite Teil des Abends ist dem zuletzt erschienenen Krimi
„Meeresgrab“ gewidmet, der, wie Peter Wark harmlos erwähnt, rechtzeitig vor
den Sommerferien erschienen ist. Peter Wark war ja selbst oft auf La Palma, und dass sich
auch seine Zuhörer mit der Insel vertraut machen können, sie vielleicht als
Urlaubsziel wählen, hat er eine Landkarte mitgebracht, auf der er zeigt, wo die
Handlung gerade spielt. Die Passagen, die er auswählt, bewirken, dass man an eigene
Erfahrungen denkt, an ungeliebte Klassentreffen, an ehemalige Schulkameraden, die
lästig sind. So stellt Martin Ebel missmutig fest, dass Justus, der sich einfach bei
ihm einquartieren will, gleich zwei Koffer mitbringt und keinen Rückflug gebucht hat.
Das Unheil nimmt seinen Lauf, ein Einbruch in Martins Haus, Gelegenheit für die
Zuhörer beiläufig zu erfahren, wie er so wohnt, tätlicher Angriff auf Justus,
dessen Weigerung, die Polizei einzuschalten. Martins Ausweg, Justus zu Freunden
abzuschieben, hilft nicht, denn Justus verschwindet. Ist er ertrunken? Nun erfährt man
zwar ausführlich, wie der Fischer aussieht, der die Habseligkeiten von Justus gefunden
hat, wie der Suchtrupp arbeitet, wie das Wetter mitspielt, aber dann deutet Peter Wark
spöttisch auf eine Seite des Buches und informiert „An dieser Stelle lebt Justus
noch.“.
Die Mischung aus beschreibenden und spannenden Passagen aus den
Büchern, die eingestreuten Informationen und Kommentare sorgen dafür, dass die
Aufmerksamkeit im Raum nie nachlässt. Peter Wark ist nicht nur ein Kenner der Insel La
Palma. Eine Figur aus den Krimis, Siggi, Freund und Chef von Martin Ebel, ist einem realen
Menschen nachgezeichnet. Als Peter Wark diesen echten Siggi fragte, ob er seinen Namen im
Roman verwenden dürfe, willigte der ein „Solange der Siggi nicht der Mörder
ist.“.
Sozusagen als Zugabe liest Peter Wark noch kurz aus dem Roman, den er
gerade in Arbeit hat. So aufmerksam und begeistert wie das Publikum diesen Abend verfolgte,
würde es sicher wieder da sein, sollte Peter Wark auch mit diesem Werk einen
Vorleseabend gestalten.
Ute Büttner
„Schau Liebling, der Mond nimmt auch zu..“
David Leukert am 22. 11. im Kräuterkasten
Einen kritischen Blick auf Probleme mit Männern, mit Frauen und mit
der Sprache warf David Leukert am Freitag im Kräuterkasten.
Sprache entlarvt, das sieht man schon an den Namen, die Eltern heute
hochtrabend ihren Kindern verpassen. Nun, die Gäste im voll besetzten
Kräuterkasten hatten da noch Glück, die heißen ganz normal Helmut, Sabine..
.Aber die sind ja auch nicht mehr ganz jung. Und als wollten sie rebellieren, verwenden die
jungen Leute mit den komplizierten Namen eine höchst einfache Sprache mit Sätzen
aus drei Wörtern. Wie sollen da Menschen aus anderen Ländern Deutsch lernen, wenn
hier oft die eigenen Eltern ihre Kinder nicht mehr verstehen. Aber Deutsch ist ja so
altmodisch. Also erfindet man jetzt angeblich englische Wörter, über die der, der
wirklich des Englischen mächtig ist, nur lachen kann, „Nordic Walking, Public
Viewing, Handy“.
Für Lacheffekte sorgt David Leukert pausenlos, wenn er die heutige
Lebensart, die Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die Sprache untersucht. Dabei
teilt er nach allen Seiten aus. Macht sich lustig über die, die so gnadenlos
vegetarisch sind, dass sie ihren Hund nur mit Salat ernähren, aber auch über die,
die so auf Fleisch versessen sind, dass sie den eigenen Vierbeiner „Vorrat“
nennen. Seinen scharfen Blick zeigt er auch beim Kampf der Geschlechter, beweist mit Zahlen,
dass es mehr weibliche als männliche Artikel gibt, dass Mehrzahl immer weiblich ist,
dass Mann weiblich wird in „die Mannschaft“, dass die Tendenz, heute
männlich und weiblich zu umgehen, zu sprachlichen Fehlern führt, weil etwa
Studierende der Wortart nach pausenlos Tag und Nacht studieren müssten.
Nach der Pause erweitert David Leukert noch sein Blickfeld auf die Politik.
Da deutet er schon Konflikte an, indem er mit der Mundharmonika zur Einführung
westliche und östliche Nationalhymnen mit einem Schlaflied vermischt. Politiker jeder
Couleur kriegen ihr Fett ab, sei es, wenn sie Schweigeminuten vom Blatt ablesen, wenn sie
die Menschen im Lande nicht durch zu viel Informationen beunruhigen wollen, wenn sie ihre
Meinung ändern, sobald es vorteilhaft erscheint. Er ist ganz aktuell, weiß um den
Mietpreisvergleich zwischen Stuttgart und München Bescheid und er gräbt in der
Vergangenheit, wenn er auflistet, wie wenig das Fachgebiet eines Ministers zu tun hat mit
dessen eigener Ausbildung.
Aber das Hauptproblem für ihn ist doch die Rolle, die der Mann heute
spielt. Was ist ein Mann? Hat er sich überhaupt weiter entwickelt und wie? Ist er
hilflos der Frau ausgeliefert: „Was macht eine Frau, deren Mann im Garten Zickzack
läuft? Sie schießt weiter!“ Wie geht man mit dem eigenen Sohn um, dessen
höchstes Kompliment ist, dass er seinen Alten „nicht scheiße findet“.
Taugen Filmhelden wie Lino Ventura, Charles Broson noch als Vorbilder, hat Mann noch Macht?
Nun, David Leukert hat Macht über die Sprache, spitzfindig, witzig,
makaber. Mächtig ist er auch am Schluss, wenn er mit der Mundharmonika ein Konzert gibt
und dabei gleichzeitig ein großes imaginäres Orchester dirigiert. Und er hat
Macht über das Publikum im Kräuterkasten, das ihm, egal ob Frau oder Mann,
begeistert applaudiert.
Ute Büttner
„Was für ein Theater!“
Die Handpuppengruppe Ewelhimo am 15. 11. 2019 im Kräuterkasten
Am Freitag spielte die Handpuppengruppe Ewelhimo im Kräuterkasten
„ Sabberlodd“, „Alle Leute tragen Kleider“ und „Emilie &
Berta“, drei selbst verfasste Theaterstücke für Erwachsene. Und es ist
tatsächlich nichts für Kinder, denn Motive aus „Der dritte Mann“,
gespielt auf der Zither, deuten Unheil an. Die Textilfabrik Bitzer zur Hose ist abgebrannt.
So macht sich Hauptkommisar Dagolfinger ans Werk, sprich mit der Lupe auf die Suche nach dem
Übeltäter. Es gibt genügend Verdächtige, Angestellte, der
Eigentümer, der nur durch Heirat zum Besitzer der Fabrik wurde, neugierige Nachbarn.
Wie im guten alten Kriminalfilm werden alle zum Ortstermin geladen. Doch dann die
Überraschung: Die Laboruntersuchungen ergeben, dass der Brand entstand, weil alte und
neuartige Kleidungsstücke aufeinander gelagert wurden, eine hoch explosive Mischung.
Textilien sind das Thema der ersten beiden Stücke, wie geschaffen
für Albstadt und Umgebung. Dabei verkündigt Puppe Ewelhimo immer ganz
scheinheilig, Ähnlichkeiten mit dem wirklichen Leben seien rein zufällig. Etwa das
Gejammer „Ich habe nichts anzuziehen“. Es geht um den Umgang mit Kleidung
früher und heute, Verschwendung, Produktion und das wird witzig aufgezeigt. So wird in
höchsten Tönen gepriesen, wie ökologisch wertvoll eine Bioschürze ist,
Die Oma erinnert sich dagegen wehmütig an die alten Schlupfhosen, die sich beim Tragen
jeder Form anpassten. Ein Ökofan beweist, dass es umweltfreundlicher ist, ein
Kleidungsstück nach einmal Tragen wegzuwerfen als es mit Seife zu waschen. Doch
zwischen den Akten erfährt man viel über die wahren Probleme wie Kinderarbeit,
Energieverbrauch, Plastikmüll, und diese Informationen werden sachlich und
nüchtern vorgetragen.
Doch wer kann sich umweltfreundliche aber teure Kleidung leisten? Da wissen
Emilie und Berta Bescheid. Sie zeigen lustig, wie man Geld sparen kann, wie man mit
klagendem Wortschwall Freifahrkarten bei der Bahn erhält, wie man kostenlos
auswärts essen kann, wie man in der Parfümerie einen Sack voller Pröbchen
ergattert, dass man sich lange Zeit damit pflegen kann. Gegen ihre Taktik sind gewiefte
Verkäufer machtlos, selbst wenn sie alle Tricks der Werbung anwenden.
Kleider machen Leute. Aber Ewelhimo macht Puppen eigenhändig. Jede
Puppe ist ein Charakterkopf, ist für jede Rolle passend gekleidet. Sie agieren wie
wirkliche Menschen, legen den Kopf schief, heben abwehrend die Hand, hasten über die
Bühne, bewegen sich zwischen kostbaren alten Gerätschaften wie aus
Großmutters Puppenstube. Ein wahrhaft ungewöhnlicher Theaterabend.
Ute Büttner
„Fundgruben-Geschichten und Lieder“
Die Schwestern Ostarhild im Kräuterkasten
Mit Geschichten und Liedern führten Heike Frank-Ostarhild und
Katharina Ostarhild in ein Reich der Fantasie, das aber stets Verbindung zur realen Welt
behielt.
Von Göttern erzählt Heike Frank-Ostarhild, die als das beste
Versteck für die Weisheit das tiefste Innere des Menschen erwählen, weil nur der
reife Mensch sie dort entdecken kann. Vom Wassertopf, der zwar einen Sprung hat, dadurch
aber bewirkt, dass das heraus tropfende Wasser Blumen zum Blühen bringt. Vom Streben
eines Jünglings nach Vollkommenheit und einem Meister, der ihn erkennen lässt,
dass er so, wie er ist, schon vollkommen ist. Vom König, der unerkannt bei einem
Untertanen zu Gast ist und diesem zum Glück verhilft. Sie stellt aber auch fest, dass
die reine Wahrheit so teuer ist, dass man sie nicht kaufen kann. Einen ganz neuen Blick auf
das Dasein werfen Zwillingsmädchen im Bauch der Mutter, als sie fragen „Gibt es
ein Leben nach der Geburt?“ Witzige Einsichten über das Wesen des Menschen
liefert Eugen Roth, einfache Erklärungen hat Heinz Ehrhardt bereit und Rainer Maria
Rilke beruhigt die Ratlosen „Du musst das Leben nicht verstehen“. Heike
Frank-Ostarhild erzählt so, dass man gespannt zuhört, ruhig, ohne zu
übertreiben und doch ausdrucksstark.Und wenn eine Geschichte lang ist, sich über
Jahre hinzieht wie die vom vergrabenen Diamanten, dann greift Katharina Ostarhild mit der
Gitarre ein markiert musikalisch die einzelnen Abschnitte.
Die Musik füllt auch die Räume zwischen den Geschichten.
Katharina Ostarhild ist wie verwachsen mit ihrer Gitarre, scheint singend mit ihr
Zwiesprache zu halten. Heftige Schläge begleiten die junge Frau auf der Suche nach dem
richtigen Weg, „Change direction“, lebhafte Läufe und ruhige Zwischenteile
weisen auf die unterschiedlichen Sichtweisen der Zwillinge hin, Und immer wieder stimmt
Heike Frank-Ostarhild mit ein. Katharina Ostarhild erzählt singend in „Both side
of the Tweed“ vom Fluss der Schottland und England trennt, den Refrain singen die
Schwestern gemeinsam und unterstreichen so dessen Forderung, dass Frieden besser ist als
Trennung. Ausgelassen loben beide den Sommer, treten fast pathetisch in einen Dialog
über die Bedeutung der Freundschaft ein und besingen dann schlicht und natürlich
die Liebe mit einem Volkslied „Dass du mein Leevster bist“, zeigen, dass Liebe
in allen Ländern herrscht und schon im Jahr 1937 wichtig war „Bei mir bist du
schön“.
„Lasst uns verweilen“ singen die Schwestern als Zugabe. Das
würden die Zuhörer im Kräuterkasten gerne tun, verweilen und noch lange
diesen Geschichten und dieser Musik lauschen.
Ute Büttner
„Schlager und Chansons der 20er und 30er Jahre““
Adelheid und Udo Wasse am 27. 9. 2019 im Kräuterkasten
„In der Bar zum Krokodil“, im Kräuterkasten ließen
Adelheid Wasse am Klavier und Udo Wasse mit Gesang die Gäste auf liebe alte Bekannte
treffen, faszinierende Damen und Herren, die einst von Stars wie Zarah Leander, Rudi
Schuricke, Willi Forst, Heinz Rühmann vorgestellt wurden.
Ein paar bedächtige Takte auf dem Klavier lassen aufhorchen – da
muss doch gleich,.. . Ja, da steht er, der leidenschaftliche Herzensbrecher, der jetzt
seinen komischen, sturmlosen Angriff auf die Herzen der stolzesten Frauen startet. Aber
keine Angst, den Frauen passiert nichts. Ganz im Gegenteil. Sie werden fröhlich
eingeladen „Hallo, kleines Fräulein“. Ein höchst galanter Kavalier
küsst die Hand von Madame und betont am Schluss, dass sein eigentliches Ziel ihr roter
Mund ist. Schwelgerisch träumt der Sehnsuchtsvolle jede Nacht von der unvergesslichen
Angebeteten, weist ganz leise auf seine geheimen Wünsche hin.
Udo Wasse zeigt so, wie wandelbar und passend er interpretieren kann. Er
beschreibt weinerlich ein „Leben ohne Liebe“, schlürft dann fast
grölend wie in einem Gassenhauer das Badewasser der Geliebten. Er lässt „In
der Bar zum Krokodil“ die Besucher lärmen und achtet doch darauf, dass die
witzigen Reime wie „Ramses - ham 'ses“ „Philosophen –
schwofen“, „inkognito – Pharao“ zur Geltung kommen. Entsprechende
Blicke und Gesten unterstreichen, was er zu singen und sagen hat. Eine wegwerfende
Handbewegung begleitet eine lakonische Schlussbemerkung. Eine rasche Drehung sorgt
dafür, dass man sich ertappt und angesprochen fühlt. Ein direktes, strahlendes
Lächeln wird dazu führen, dass er sich erfolgreich als Hausfreund andienen kann.
Die Frauen haben einen guten Anwalt an diesem Abend. Wann kommt es schon
vor, dass ein Mann , begleitet von zustimmendem Summen im Raum, behauptet „Die
Männer sind alle Verbrecher“. Und heute kokettiert nicht Zarah Leander sondern
ein Mann gesteht den Frauen ganz vernünftig und sachlich das Recht auf ein
Verhältnis zu. Aber die Frauen sind halt auch so erstrebenswert. Mann beneidet
„Bel Ami“ um sein Glück bei den Fraun, und die Männer im Raum zeigen
mit ihren Blicken, dass sie auch so fühlen.
Ein Glück für Udo Wasse ist auch, dass Adelheid Wasse am Klavier
sitzt. Mit ihren Einleitungen weckt sie Spannung und Erwartung, unterstreicht mal
tänzerisch, mal melancholisch die Texte, sorgt mit Zwischenspielen dafür, dass das
Gesungene nachklingen kann, meistert spielerisch alle Schwierigkeiten. Mögen die Lieder
auch von Problemen berichten zwischen Mann und Frau, zwischen Adelheid und Udo Wasse
herrscht musikalische Harmonie.
In den „Charleston“, den Adelheid Wasse zu Beginn gespielt hat,
ist eingeschmuggelt „Ich brauche keine Millionen“ Man kann sagen, den
Gästen im voll besetzten Kräuterkasten fehlt an diesem Abend auch kein Pfennig zum
Glück, sie haben ja Musik, Musik, Musik. Ein Glück ist dieser Abend aber auch
für Kinder in Ecuador Das Ehepaar Wasse verzichtet wieder auf Gage und bittet statt
dessen um eine Spende für den „Jardin del Eden“. Und die fröhlichen,
dankbaren Besucher dieses Benefizkonzerts füllen den Spendenzylinder vielleicht nicht
mit Millionen aber sehr großzügig. Herzlichen Dank.
Ute Büttner
„Sinn des Lebens aus Eichhörnchen Perspektive““
Kabarett Stefan Waghubinger überzeugt im Kräuterkasten am 13. 9.
2019 mit seinen Gedankenspielen.
Der Kabarettist Stefan Waghubinger sorgte im Kräuterkasten für
wohl dosierten, teils auch schwarzen Humor inmitten tiefgründiger Gedankenspiele. Mit
einer Taschenlampe bewaffnet, steigt S.W. in seinem aktuellen Bühnenprogramm
„jetzt hätten die guten Tage kommen können“ auf den Dachboden seiner
Eltern, zu denen er aus Trennungsgründen zurückkehrt. Die Gedanken, die ihm dort
beim Wühlen in Kisten in den Sinn kommen, reichen von verquerer Logik, herrlich
bissigen Lebensweisheiten bis zu wortspielträchtigen Schlussfolgerungen, die den stets
angesprochenen , voll besetzten Kräuterkasten in zuverlässigen Abständen zu
Lachsalven trieben. Wenn er ins makaber Schwarze trifft, dann mit entwaffnend trockener
Selbstverständlichkeit und einer gehörigen Portion Selbstironie.
So sinniert Waghubinger über Sollbruchstellen in Beziehungen und ihre
Auswirkungen auf die Wirtschaft, vergleicht Parteien mit Sushi- Restaurants und
erzählt, wie aus einem Hamsterkäfig eine Weihnachtskrippe wurde. Bevor der Sinn
des Lebens aus der Sicht der Eichhörnchen beleuchtet wird, geraten Scrabble spielende
Weltreligionen ins Visier des Mannes, der im angestaubten Dachbodendekor auf seine
Vergangenheit und Gegenwart trifft. Die Personen, die darin urkomische Rollen besetzen,
seien tatsächlich vordergründig fiktiv, wie Waghubinger im Anschluss an sein
Programm erklärte. Er finde es jedoch selbst amüsant, bei genauerer
Überlegung zu entdecken, welche realen Persönlichkeiten aus seinem Umfeld ihn
inspiriert zu haben scheinen.
Das Publikum bedachte den aus Östereich stammenden Kabarettisten, der
aber schon lange Zeit in Deutschland lebt, mit viel Beifall. Er bedankte sich mit einer
Zugabe, die sich ebenso gewaschen hatte wie sein tiefgründig-satirisches Programm. Wer
sich für sein literarisches und zeichnerisches Schaffen interessierte, konnte
individuell signierte Exemplare bei Waghubinger erwerben, der sich für sein Publikum
Zeit nahm. “Was er erzählt, ist aus dem Jetzt gegriffen, mit messerscharfen
Pointen“, war sich das Team des Kräuterkastens um Ursel Günther einig. Es
ist auch schön zu sehen, wie er sich treu bleibt“, kommentierte sie Waghubingers
dritten Auftritt in ihren Räumlichkeiten. „Eine einfach saukomische Mischung aus
Blödelei undTiefgang“,resümierte Zuschauer Klaus Krautter.
Desiree Dietsche
„Bauklötze staunen““
Peter Leonhard am 10. 5 2019 im Kräuterkasten
Einen wahrlich zauberhaften Abend bereitete Peter Leonhard als Karl Heinz
Dünnbier am Freitag den Gästen im Kräuterkasten.
Zunächst ist er unzufrieden. Das soll eine Begrüßung sein,
dieses läppische Geklatsche? Also ein zweiter Anlauf, und jetzt ertönt der
gewünschte Applaus. Es zeigt sich, dass Karl Heinz sein Publikum im Griff hat. Er wird
auch konkret handgreiflich, entfernt in Windeseile die leeren Stühle vor sich, und so
finden sich die Besucher in der zweiten Reihe ganz plötzlich in der ersten Reihe
wieder.
Er beherrscht sechs Sachen besonders gut, den Umgang mit den Menschen im
Raum, das Aufzeigen von Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen Japanern und Schwaben,
das Spiel mit Worten, die Erklärung, was Wirklichkeit ist, die Zauberei und die Kunst
des Bauchredens, und dieses Können präsentiert er mit großem
schauspielerischen Talent. So verwandelt er sich vom Schwaben, der pedantisch die
Straße kehrt, in einen Japaner, der diese Tätigkeit zur Meditation benützt,
schließlich steckt in „putzen“ der Begriff „Zen“, oder der wie
ein echter Samurai den Besen als Schwert benützt. Wörter haben es in sich, sie
verwirren, vermischen Wirklichkeit und Illusion. Was gibt es bei einer Trauerfeier zu
feiern? Warum spielen Frauen in einer Fußballmannschaft? Wie kann jemand ein
eingefleischter Vegetarier sein? Woraus besteht Fleischkäse wirklich? Geben Nachrichten
die Wirklichkeit wieder, wo es doch mehr „bad news“ als „good news“
gibt? Die Erklärung ist einfach. Ein Pilzsucher wird zwar seine Mitmenschen vor
giftigen Pilzen warnen, aber niemals den Standort von köstlichen, essbaren Pilzen
verraten. Wo fängt die Illusion an? Jetzt wird der Künstler zum Zauberer.
Zunächst recht einfach. Ein ganz normaler Zollstock verwandelt sich mit ein paar
Griffen in einen Fensterrahmen, eine Krawatte, ein Gewehr. Aber dann fragt er ein Paar im
Raum nach ihrer Lebensgeschichte aus und veranschaulicht diese dann mit großen Ringen,
die sich scheinbar mühelos zur Kette vereinen, trennen, zu Gruppen zusammen
schließen. Beim Zaubern passieren ihm scheinbar Missgeschicke, das spielt er so
glaubhaft, dass man sich fast fragt, ob ihm tatsächlich ein Fehler unterlaufen ist.
Aber dann erscheinen die Karten doch in der gewünschten Reihenfolge und Farbe, steckt
der Ball doch unter dem richtigen Becher, ehe er sich in eine Zitrone verwandelt. Die ganzen
Spielereien verbindet er geschickt. So trauert eine Besucherin ihrem verlorenen Geldschein
nach. Karl Heinz tröstet, führt als Ersatz Kunststücke vor, listet auf, wie
viel Euro die jeweils wert sind. Am Ende findet die Besitzerin ihren Schein doch wieder und
zwar in der Zitrone, die vorher mal unter dem Becher steckte.
Herr Dünnbier kennt sein Publikum so gut, dass er
selbstverständlich eine Zugabe parat hat. Die wird noch einmal zu einem Glanzpunkt. Die
Rentnerin Käthe hat die ganze Zeit in einer Kiste verpackt gewartet. Jetzt darf sie
heraus und sich mit Herrn Dünnbier unterhalten. Sie ist Schwäbin und war, wen
wundert's, früher mal Putzfrau. Der folgende „Dialog“ ist wieder gespickt
mit Spitzen, Anzüglichkeiten, leicht makaber, wenn etwa die Rentnerin mit dem Auto zum
Friedhof fährt und das Navi verkündet „Sie haben Ihr Ziel erreicht“.
Sein Ziel erreicht hat auch Peter Leonhard. Sein begeistertes Publikum hat
sich an diesem Abend köstlich amüsiert und wirklich Bauklötze gestaunt.
Ute Büttner
„Flädlessupp“
Trio „Späzles Brett“ am 5. 4. 2019 im Kräuterkasten
Ein Rezept für Flädlessuppe und andere schwäbische
Eigenheiten präsentierten am Freitag Hannegret Bausinger, Geige, Uli Barth, Tenorhorn,
Franc Zibert, Akkordeon mit Musik, Gesang, Geschichten, Gedichten, mit Betrachtungen und
Erklärungen im Kräuterkasten.
„Horch, was kommt von draußen rein“ - man möchte
ergänzen „und schau auch genau, was kommt von draußen rein“, so
schick sind die drei, die da musizierend in den Saal schreiten, im kleinen Schwarzen, mit
weißen Hemden, Zylinder, Melone. Aber es sind echte Schwaben, das hört man,
sobald sie den Mund aufmachen. Sie nehmen ihre Landsleute genau unter die Lupe, ihre
Gewohnheiten, ihre Sprache. Und sie decken auch Fehler auf. „Auf de Schwäb`sche
Eisebahne wollt emol e Beierle fahre“, aber nein, unmöglich, ein Schwabe
nützt kein Imperfekt, das müsste heißen „hot emol e Beierle fahre
wolle“. Dazu muss man allerdings ganz schnell singen, das passt wieder nicht zum
Schwaben, der eher gschwind langsam agiert. Wie es seiner Art entspricht, geht er auch mit
Wörtern sparsam um. Wozu zwei Wörter sagen wie „kleines Ferkel“, wenn
doch eines reicht, „Ferkele“? Man kann den Wortschatz auch klein halten, indem
man einem Wort mehrere Bedeutungen zuschreibt. Das kann aber unangenehm werden. Wenn der Bub
harmlos fragen will, wie lange eine schwache Stunde dauert, „Was ist eine schwache
Stunde?“, denken Mama, Oma und Pfarrer in die delikate Richtung und reagieren gehemmt
und verwirrt. Na ja, das wäre wohl in Bayern, Hessen.... nicht anders.
Höchst unterhaltsam gestalten die drei Experten ihre Lehrstunde. Das
Akkordeon spielt Volkslieder, Polka, Walzer zum Entspannen. Die Gruppe vereinigt sich zum
harmonischen und kunstfertigen Trio aus Geige, Tenorhorn, Akkordeon. Hannegret Bausinger und
Uli Barth legen ihre Erkenntnisse dar, verdeutlichen sie mit Geschichten, mit eigenen
Gedichten, schlüpfen in verschieden Rollen, die genau dem Bild entsprechen, das man
sich so vom Schwaben macht. Sie demonstrieren Arbeitswut, wenn sie imaginäre
Dampfstrahler, Laubsauger, Kettensägen schwingen, sie kehren liebevoll und
pflichtbewusst den Schnee zusammen, sie beobachten genau, was so alles los ist. Sie
können sogar ohne Worte Probleme erklären. Was Erderwärmung heißt,
demonstrieren sie mit einer Wäscheleine. Die dort aufgehängte Unterhose hat sich
im Laufe der Jahre verwandelt vom biederen Liebestöter zum knappsten Slip. Aber auch
Schwaben sind der Gefühle und großen Gesten mächtig. Uli Barth läuft zu
großer Opernform auf, wenn er sich von der Geliebten im Publikum verabschiedet . Er
ist ja ein Seemann, und da spielt es keine Rolle, dass er nicht zum Meer muss sondern nur
zum Bodensee als Fährmann.
Fremden gegenüber muss man misstrauisch sein. Hannegret Bausinger
zeigt das meisterhaft mit stechendem Blick, mit schmalen Lippen, mit schriller Sprache, mit
abwehrender Körperhaltung. Wenn aber der „Reigschmeckte“ sich mit einer
Flasche Wein nähert, dann darf er bleiben. Nun, wie sich die dargestellten Typen im
Laufe des Abends zeigten, die wollte man vielleicht nicht zum Nachbarn haben. Wohl aber das
Trio „Späzles Brett“. Das Publikum erreicht durch Applaus, dass diese
sparsamen Schwaben sogar Zugaben spenden und als sie dann „zum Städele hinaus
müssen“ , wünscht es sich, dass sie auch einmal wieder „zum
Städele“ herein kommen.
Ute Büttner
„Wir machen Ihnen eine Szene“
Impro Theater am 15. 2. 2019 im Kräuterkasten
Nicht nur eine Szene sondern viele Szenen machte am Freitag das Impro
– Theater mit Thomas Boll, Christine Funk, Brigitte Lucas-Kuhl, Martin Romer und Karin
Vogler den Besuchern im Kräuterkasten.
Wenn Frau XY dem Herrn XY daheim eine Szene macht, hat Herr XY
normalerweise den Grund dafür geliefert. Im Kräuterkasten übernehmen die
Gäste seine Rolle. Damit sie ihre Aufgabe gut erfüllen, werden sie zuerst von
Christine eingewiesen. Sie zeigt dabei ihr pädagogisches Können, erklärt,
wiederholt, tadelt, lobt und verspricht dem, der den besten Anlass für eine Szene
findet, eine süße Belohnung. Derart motiviert liefern die Besucher eifrig
Gegenstände und Stichworte, Sätze, aus denen die Gruppe dann Szenen entwickelt.
Das Ergebnis ist erstaunlich, völlig irr und doch logisch. Warum soll
man eine Powerbank nur zum Aufladen benützen, wenn sie sich doch auch als Kamera oder
Rasierapparat eignet. Ostern ist eine Gelegenheit für Naturschützer, für das
Wohl der Hasen zu demonstrieren und dafür zu sorgen, dass die armen Eier unbemalt
bleiben. Gegen die Auswirkungen auf Gesundheit und Eheleben von solch hoch technisierten
Gebilden wie dem Kreuzstromwärmetauscher helfen fernöstliche Rituale oder eine
Paartherapie. Alte Fernsehschnulzen werden aktualisiert, moderne Talkshows liefern solch
tolle Erkenntnisse wie die, dass Kuscheltiere für Politiker alle Probleme lösen
würden. Man kann auch heftiger reagieren, man könnte etwa den herrschenden
Lehrermangel bekämpfen, indem man einfach alle Schüler wie Hänsel und Gretel
in den tiefen Wald schickt.
Man kann sowieso die Realität in ein Märchen verwandeln, im Zoo
mit der Drachenfrucht einen echten Drachen füttern. Der kennt sich leider nicht richtig
aus, der wird zu einer Prinzessin, worauf seine Wärterin eben zum Prinzen werden muss.
Fünf Personen improvisieren und achten doch ganz genau auf einander.
Sie lösen sich durch Klatschen ab, knüpfen an das an, was gespielt und gesagt
wurde und entwickeln die Szene dann lakonisch und konstatiert nüchtern, dass ihr Kind
auf dem Wochenmarkt verloren geht. Brigitte überzeugt als frustrierte Ehefrau wie als
verbitterter Osterhase. Karin regt sich furchtbar auf, nervt so ihren Liebhaber oder die
Verkäuferin am Marktstand. Martin ist pfiffig und penetrant, stört als sprechende
Kartoffel den Fischer und seine Frau beim Kochen, wendet bei der Aquariumsputzolympiade
faule Tricks an, liefert sich dann mit seinem Konkurrenten Thomas einen zirkusreifen
Zweikampf. Thomas ist Gefühls-und Kraftmensch. Er kaschiert mit rastloser
Tätigkeit, dass er nicht weiß, dass er diese Brezelschmiermaschine erfunden hat,
reckt sich drohend als Drache und erweckt aller Mitleid, wenn er zeigt, welche Angst er vor
Allergien hat.
Wenn Frau XY dem Herrn XY eine Szene macht, ist das meistens unerfreulich.
Wenn aber Impro-Theater Plan B Szenen macht, sind die einfach toll, witzig, schlagfertig.
Das Publikum zeigt mit Lachsalven und Applaus, wie begeistert es ist und wird sehr gerne
wieder einmal mit Stichworten, Sätzen und Gegenständen für Szenen von dieser
Gruppe sorgen
Ute Büttner
„Willi und Lisbeth zerreden ihr Frühstücksei“
Gerd Normann am 8. 2. 2019 im Kräuterkasten
Was ein älteres Paar nach vierzig Ehejahren so alles bewegt,
worüber sie reden und streiten, das durfte das Publikum am Freitag im
Kräuterkasten hautnah miterleben.
Viele sind gekommen, das Thema ist offenbar wichtig, sind doch die meisten
Gäste schon einige oder sehr viele Jahre selbst verheiratet. So lässt Gerd Normann
mit großer Geste sein Paar auftreten. Lisbeth, eine ältere Frau sitzt sittsam und
steif da mit gefalteten Händen, dargestellt von Gerd Normann. Willi, ein älterer
Herr, hängt lässig auf dem Stuhl, wedelt mit den Armen, wird dargestellt von Gerd
Normann. Der meistert seine Dreifachrolle sehr gut, kommentiert das Gehörte, leitet zur
nächsten Szene über und schlüpft problemlos in die Rolle von Lisbeth und
Willi, führt Dialoge, die mal elegant und witzig, mal durchaus derb sein können.
Der Ehestand ist ein schwieriger Zustand, wie schon Prominente wie Alfred
Hitchcock oder Oscar Wilde, Maria Callas oder Donna Leon erkannten, wie Wissenschaftler
erforschten. Aber den Satz „Ehe funktioniert nur, wenn einer der Beiden taubstumm
ist“, den widerlegen Lisbeth und Willi. Sie reden miteinander, streiten sich, stellen
Fragen, erklären, sind manchmal sogar einer Meinung. Dabei ergeben sich kritische und
komische Anspielungen auf das, was gerade so Mode ist. Wenn schon ein Hund, dann muss es
heute natürlich ein Chihuahua sein. Quizsendungen verwirren, wenn man nicht weiß,
ob der, der sagt, er weiß die Antwort, auch tatsächlich die Lösung
weiß. Hier offenbart sich auch, wie treffsicher und sprachgewandt sich Gerd Normann
ausdrücken kann. Die ärztliche Versorgung liegt im Argen, wenn man auf einen
Termin warten muss. Aber es gibt ja Alternativen wie das Besprechen von Warzen oder
Klopfakupressur gegen Burnout. Das Paar erlebt vieles gemeinsam, aber jeder hat auch sein
Eigenleben. Sie hat ihr Teekränzchen, wo es um solch geschlechtsspezifische Themen wie
Haare auf der Brust geht. Er hat seinen Stammtisch, wo die schwierige Frage erörtert
wird, wie man erkennt, welcher Fuß dreckig ist und gewaschen werden muss. Nach vierzig
Ehejahren gibt es natürlich auch Spannungen. Die Frage, wie weich ein weiches Ei sein
muss, dass es weich ist, welche Geräusche lästiger sind, die, die Willi beim Essen
produziert oder die, die Lisbeth mit dem Putzlappen erzeugt, führen fast zur Ehekrise.
Aber dann geben sie sich wieder Mühe für ihre Beziehung. So schaut Lisbeth mit ein
Fußballspiel bei der WM an. Doch schon wird es kompliziert. Wird Mario Gomez
ausgetauscht, weil er schlecht spielt oder weil er Schweißfüße hat?
Schwitzen und stinken alle Fußballspieler? Es ist völlig klar, dass sich Lisbeth
das bei einem so gut aussehenden Spieler wie Manuel Neuer nicht vorstellen kann.
Einen Ehemann kann man nicht einfach auswechseln. So fragt Lisbeth
beschwörend ihren Willi, ob er sie denn liebt, fordert ihn auf, das klar und deutlich
zu sagen. Willi dreht und windet sich, schafft es nicht, das auszusprechen. Was aber die
Gäste im Kräuterkasten angeht,die beweisen mit Lachen und Applaus, dass sie an
diesem Abend Gerd Normann in seiner Dreifachrolle lieben.
Ute Büttner
„Die großen Filmballaden“
Moni Francis und Oli Dobisch im Kräuterkasten am 18. 1. 2019
Mit berühmten Liedern aus berühmten Filmen, mit amüsanten
Informationen zu Musikern, Schauspielern, Regisseuren unterhielten am Freitag Oli Dobisch
und Moni Francis die Gäste im Kräuterkasten.
„Come to the Cabaret“ lädt Moni Francis mit
beschwörender, dunkler Stimme ein. Oli Dobisch erzählt über die Entstehung
des Films, erinnert an Liza Minnelli. Dann macht er es spannend, wer war doch gleich nochmal
dieser Barbesitzer? In dem Film spielt Humphrey Bogard. Dann fällt das Stichwort
„Ich seh dir in die Augen, Kleines“. Alles klar, „Casablanca“. Und
wie es sich in einer Bar gehört,singt Moni Francis zur Klavierbegleitung „As time
goes by“, ruhig, ausdrucksvoll. Sie ist sehr wandlungsfähig mit ihrer Stimme,
schreit protestierend als „Son of a Preacher“, trällert so beseligt
„Que sera, sera“, dass die Gäste einfach mitsingen müssen, wirkt
unheimlich, wenn sie von „Goldfinger“ berichtet, verbreitet mit „At
last“ einen Hauch von Jazz, macht aufgeregt auf die Gefahr aufmerksamm mit „I
see fire“ aus dem Film „Der Hobbit“. Sie hat keinen großen Aufwand
nötig. Steht da im schwarzen, dann im roten Abendkleid, blickt mal unschuldig, dann
anzüglich wie ein Bordellbesitzer „You can leave your hat on“, wiegt sich
tänzerisch zum Rhythmus, breitet die Arme aus. Die Begleitung kommt vom Band, aber man
hat den Eindruck, als stünden die Musiker live auf der Bühne, so abgestimmt sind
Sängerin und Instrumente. Viele dieser Balladen sind verbunden mit ihren Interpreten.
Moni Francis schafft es, dass man sich an sie erinnert, Marlene Dietrich, die in
aufreizender Pose im „Blauen Engel“ sitzt und beteuert „Ich bin von Kopf
bis Fuß auf Liebe eingestellt“ Marilyn Monroe, wie sie so kindlich begierig
wünscht „I want to be loved by you“, Audrey Hepburn, die so ruhig
„Moon River“ beschreibt, und dennoch ahmt sie nicht einfach billig nach sondern
drückt den Liedern mit ihrer Interpretation ihren eigenen Stempel auf.
Zu den einzelnen Nummern liefert Oli Dobisch eigenwillige und unterhaltsame
Einführungen. Erzählt von Doris Day, die in „Der Mann, der zu viel
wusste“ eigentlich gar nicht singen wollte, von Grace Kelly, die in „Die oberen
Zehntausend“ über „True love“ sinniert, aber dann leider
„diesen Rainer“ heiratete. Er posiert noch heldenhafter als James Bond, ehe er
zur Pause mit einem Drink, egal, ob geschüttelt oder gerührt einlädt. Er
macht die große Verzweiflung spürbar, „Stellen Sie sich vor, da fehlte eine
Geige für eine Melodie, die musste von England nach Neuseeland geschafft werden“,
und alle im Publikum sind erleichtert, dass das dann doch geklappt hat. Er macht Mut, dass
sogar Schauspieler wie Georg Cloonery zuerst in ganz schlechten Filmen spielten und dann
doch berühmt wurden. Er denkt auch an Tiere als Darsteller, an „Der weiße
Hai“, der ein Menscherzeuger wird, wenn man den Film rückwärts laufen
lässt, an Kater Paul aus „Frühstück bei Tiffany“, der für
seine Leistung höchste Auszeichnungen erhielt.
Nun, wenn es um Auszeichnungen geht, das Publikum im Kräuterkasten
erteilt an diesem Abend mit seiner Teilnahme und seinem Applaus einen Preis an Moni Francis
und Oli Dobisch.
Ute Büttner
„Guillotine d'amour“
Birgite Gebhardt als Mademoiselle Mirabelle im Kräuterkasten am 30.
11. 2018
Einen deutsch – französischen Abend der besonderen Art
gestaltete Birgite Gebhardt am Freitag im Kräuterkasten.
Mademoiselle stürmt herein, ein Baguette im Anschlag. Sie feuert los
– und ein Schwall Konfetti ergießt sich in den Saal. Dramatisch und komisch,
überaus streng und dann wieder ganz liebevoll, das sind ihre Erziehungsmethoden.
Schließlich will sie den Deutschen hier die Vorzüge der französischen
Lebensart beibringen. Und als gute Lehrerin richtet sie ihr Augenmerk nicht so sehr auf die
Vordersitzer sondern hat die Hintersitzer voll im Blick und kontrolliert besonders scharf
die männlichen Schüler. „Wem gehörst du?“ macht dem
Hinterbänkler klar, dass jetzt eine Frau das Sagen hat. Sie hat viel zu sagen und zu
vergleichen: französisches Baguette mit deutschem Steinofenbrot, Redensarten wie
„Der Weg ist das Ziel“ mit der französischen Erkenntnis „Wer kein
Ziel hat, kann sich nicht verlaufen“. Deutsche reden nur mit dem Mund, Franzosen reden
auch mit den Händen, machen so Komplimente richtig wirkungsvoll. Das ist so wichtig,
denn schließlich ist l'amour so wichtig im Leben. Mademoiselle schwebt im kostbarsten
Negligé durchs Haus in Erwartung des Postboten. Sie riskiert einen
Führerscheinentzug, weil sie den Autofahrer vor ihr anbetet, und weil der ihre Liebe
nicht erwidert, überträgt sie ihre Zuneigung auf ihr Auto, das jetzt einsam in der
Garage ausharren muss. Aber bei aller Liebe, auch das Beenden einer Beziehung kann
Spaß machen, das demonstriert sie an einem Opfer aus den hinteren Reihen.
Mademoiselle beherrscht die deutsche Sprache sehr gut und spielt mit ihr.
Sie wartet auf einen Mann, der ihr alles gibt, also auch sein Haus und sein Geld. Sie
verwandelt eine Zugehfrau in eine Weggehfrau und bekennt, wie gerne sie abends weg geht. Sie
verachtet den Mann aus Mainz, der sagt „Alles ist meins“ und den Mann aus
Singen, der nur singen kann, und es ist logisch, dass aus dem Mann aus Aix en Provence ein
Exmann wird.
Die Schülerinnen und Schüler im Raum sind fast alle brav und
aufmerksam. Sie singen „Alouette“ allein, übernehmen den Refrain, wenn
Mademoiselle ihre Gitarre zückt, sie bewegen sich auf ihr Kommando, sie lernen
„Sur le pont“ auswendig, sie sitzen ruhig da und warten ganz still zu
fernöstlicher Musik, sie bestätigen mit „richtig“, dass Mademoiselle
immer Recht hat. Zwei von ihr heraus zitierte Freiwillige erweisen sich gar als
Bühnenkünstler, die artig ihren Anweisungen folgen. Und wenn Mademoiselle auch oft
tadeln muss, eine Übung wiederholen lässt, bis alles zu ihrer Zufriedenheit
klappt, wollen diese Schülerinnen und Schüler gar nicht, dass die Schulstunde zu
Ende geht, wollen noch eine Lektion lernen. Sie klatschen und erhalten als Belohnung eine
Zugabe
Ute Büttner
„EHE-MÄN“ Carsten Höfer im Kräuterkasten am 10.
November 2018 Wieder einmal beschäftigte sich am Samstag Carsten Höfer im
Kräuterkasten mit seinem Lieblingsthema „Mann mit und gegen Frau“ Das
Thema ist und bleibt aktuell. Besagt doch die Statistik, dass 50% aller Ehen geschieden
werden, dass weitere 30 % als „intern gescheiterte Ehen“ gelten. Besorgt
erkundigt sich deshalb Carsten Höfer gleich bei den zahlreichen Besuchern, wie es denn
um ihre Beziehung bestellt ist. Das ist seine Art. Er wartet mit sachlichen,
wissenschaftlich fundierten Informationen auf in gespreizten Sätzen. Er prüft
jedes Wort, entlarvt die Doppeldeutigkeit von „jede zweite Ehe wird geschieden“.
Er wendet sich aber dann leutselig seinen Zuhörern zu, erzählt von seinen eigenen
Erfahrungen, seinen Schlussfolgerungen. Lautes Lachen bestätigt ihm, wie richtig er
damit liegt. Warum hält eine Ehe? Kinder können ein Grund sein, steuerliche
Vorteile, manchen ist die Scheidung zu teuer, manche sind einfach zu faul für diesen
Schritt. Gesundheitliche Gründe zählen, denn verheiratete Männer leben
länger. Vielleicht kommt denen das aber bloß so vor. Denn Differenzen bestehen
nun mal zwischen Mann und Frau. Carsten Höfer macht das an zwei Beispielen besonders
deutlich. Einmal der Kleiderkauf: Männer setzen auf Beständigkeit, die Winterjacke
muss 25 Jahre lang halten. Frauen wollen Action, Einkaufsbummel, Abwechslung, jedes Jahr
etwas Neues. Umgekehrt ist es bei der Vorliebe für bestimmte Filme. Da wollen
Männer Action, lautes Geknalle, Superhelden wie Spiderman, Batman..., Abwechslung von
der eigenen Realität. Frauen bevorzugen realistische Filme, in denen viel geredet wird,
Probleme gewälzt werden. Wie bringt man das zusammen? „Titanic“ ist wohl
der einzige Film, der die Erwartungen beider Gruppen erfüllt. Ansonsten bietet sich
für die Männer ein Herrenfilmabend an, an dem sie dank der tollen Surround Anlage
ihres ehelosen Kumpanen ihrer Leidenschaft frönen können. Doch Vorsicht ist
geboten, wenn sie hernach der Ehefrau von diesem Erlebnis erzählen, da reicht besser
ein „ .. ich soll dich schön grüßen“. Wenn Frauen im
Film keine irrealen Superhelden wollen, was wollen sie dann im wirklichen Leben? Nun, sie
brauchen realistische Helden für den Hausgebrauch. Wie wird Mann dazu? Carsten
Höfer hat wertvolle Tipps. Mann braucht Mut, um eine Ehe einzugehen. Mann soll nachts
abgekehrt von der Frau so leise durch nur ein Nasenloch atmen, dass sie nicht erschreckt
erwacht. Mann muss wandlungsfähig sein, Schnippelmän, der Zwiebeln schneidet,
Frisurerkennungsmän, der Frau bewundert, Bummelbegleitungsmän für den
Kleiderkauf, Paymän, der die jährlich anfallende neue Winterjacke bezahlt. Dann
ist er ein echter Held. Dann trägt er den Ehering nicht wie eine Last sondern wird zum
echten Lord Of The Wedding Ring. Für das begeisterte Publikum im voll besetzten
Kräuterkasten ist Carsten Höfer der Superheld des Abends, von dem es sich nicht
scheiden lassen will.
Ute Büttner
„Ich bin nicht Heinz Erhardt“ Claudia Zimmer und Herwig Rutt am 19.
10 2018 im Kräuterkasten Auf höchst unterhaltsame Weise erinnerten am
Freitag im Kräuterkasten Claudia Zimmer und Herwig Rutt an Heinz Erhardt, den Menschen,
Komiker, Poeten, Kabarettisten, Musiker, Filmstar. Man kann solch eine Person
unterschiedlich präsentieren, man kann nüchtern Fakten liefern, man kann das
Publikum mit Auszügen aus seinen Werken überschütten, man kann unzählige
Kritiker zitieren. Doch Claudia Zimmer und Herwig Rutt gehen ihren eigenen Weg. Wie ein
roter Faden ziehen sich sachliche Informationen durch das Programm. Geboren 1909 in Riga,
gestorben 1979, 1934 erste Versuche als Kabarettist, 1946 Debüt am Theater. Aber diese
Fakten werden sofort aufgelockert, meistens, indem Heinz Erhardt selbst zu Wort kommt,
treffend untermalt vom Klavier. Geboren im Kreißsaal? Aber der Saal ist doch eckig,
nicht rund! Eine Zelle kann sowohl der Anfang als auch das Ende eines Lebens sein. Bei Heinz
Erhardt und seiner Lust am Wortspiel, an Verdrehungen, an Doppeldeutigkeiten, an absurd
logischen Folgerungen kommt es auf jedes Wort an. Das erfordert von den Vortragenden
höchste Konzentration. Erstaunlich, wie sie das scheinbar spielerisch meistern. Claudia
Zimmer wird zum erstaunten Jüngling, zur ach so beschlagenen Kunstkennerin, zur
arroganten Sängerin zur piepsenden Maus, umgarnt den Partner mit schmachtendem Blick.
Herwig Rutt kontert scheinbar kühl, verhaspelt sich aber fast, wenn er aufgeregt
„mein Mädchen“ mit „dein Mädchen“ vergleicht. Schnöde
beantwortet er die Frage „Was ist ein Pianist“ mit seiner Lieblingsmahlzeit.
Aber die Frage war berechtigt, denn Heinz Erhardt war auch Komponist, hat manche seiner
Gedichte selbst vertont. Dabei scheut er sich mit Wort und Ton nicht vor Anlehnung an
Klassiker. Goethes Erlkönig verheißt Unheil, bei Gewitter mit Donnerschlag
zittert die Familie dem Donnerstag entgegen wie Theodor Fontanes Passagiere dem rettenden
Ort Buffalo. Die Hoffnung des jungen Mannes in der Straßenbahn erfüllt sich
nicht, endet folgerichtig mit Chopins Trauermarsch, mit fast elegischen Klängen klopft
Freund Hein an die Tür, der Flohmarsch bietet eine musikalische Bandbreite über
Staccato, Largo, Volkslied, dröhnende Schlussakkorde, denn schließlich sind
Pianisten Akkordarbeiter. Herwig Rutt hingegen ist ein begnadeter Pianist. Er hat viele
Gedichte von Heinz Erhardt selbst vertont, trifft genau die Zeit, trottend, swingend,
tanzend, man fühlt sich zurück versetzt in eine schöne Bar, ins
Varieté. Konsequent halten die Künstler die Erhardt Atmosphäre bis zum
Schluss durch. Als Zugabe spielen sie die Geschichte von der armen Maus, die der Katze zum
Opfer fällt, weil diese der Fremdsprache des Bellens mächtig ist. „Aus
Pietätsgründen“ könne man nach dem Tod der Maus keine weitere Zugabe
mehr liefern, erklärt Herwig Rutt bedauernd. Sehr schade, denn der begeisterte Applaus
des Publikums zeigt, dass alle im voll besetzten Kräuterkasten noch lange nicht genug
haben von Heinz Erhardt, von Claudia Zimer und von Herwig Rutt.
Ute Büttner
„Prinzessin ist auch kein Traumjob“ Rena Schwarz im
Kräuterkasten am 12. 10. 2018 Für anderthalb Stunden entführte am
Freitag Rena Schwarz die Gäste im Kräuterkasten in ihre eigene
Märchenwelt. Es ist tatsächlich ihre spezielle Welt, denn Rena Schwarz bezieht
sich zwar auf die Märchen der Brüder Grimm, drückt ihnen aber ihren eigenen
Stempel auf. So versetzt sie Rotkäppchen in den Spessart, nach Sachsen, nach
Ostwestfalen, verleiht ihm mit dem jeweiligen Dialekt ein besonderes und komisches Timbre.
Schneewittchen rappt sie und macht aus „Spieglein an der Wand“ einen
eindrucksvollen Refrain. Sie untersucht, welche Märchen und ihre Aussagen heute
für wen passen, ordnet „Tischlein deck dich“ gestressten Hausfrauen zu, den
„Knüppel aus dem Sack“ den Politikern. Rena Schwarz untersucht die
Märchen genau , ob sie glaubhaft waren, als sie gesammelt wurden und ob sie noch in die
heutige Zeit passen. „Rapunzel“ müsste, gemessen an der Länge ihrer
Haare uralt gewesen sein und somit nicht mehr begehrenswert. Nach hundertjährigem
Schlaf müsste Dornröschens Mundgeruch jeden Freier abgestossen haben.
„Hänsel und Gretel“ würden sich heute nie mehr im Wald verlaufen, die
hätten ein Smartphone. Außerdem würde sie die arme Hexe wegen
Sachbeschädigung an ihrem Haus verklagen. In einer modernen Version müsste der
arbeitslose Vater die Kinder im Rotlichtmilieu von Hamburg aussetzen, die Hexe wäre
dann eine gutmütige Prostituierte, die den armen Kindern hilft. Rena Schwarz hat ein
Faible für Hexen. Aber auch die wären heute der Zeit angepasst, würden auf
voll technisiertem Besen reiten. Prinzessinnen findet sie langweilig, die müssen immer
brav und lieb sein. Mehr noch, sie werden von ihren Vätern zwangsverheiratet mit dem
Mann, der die königlichen Probleme lösen kann. Märchenprinzen sind sowieso
schlechter als ihr Ruf. Das gilt bis heute, wie manche Frau nach der Hochzeit feststellen
muss. Ja, auch die heutige Zeit ist nicht immer märchenhaft. Genüsslich macht sich
Rena Schwarz über Modeerscheinungen lustig, Essensgewohnheiten als Statussymbol, wobei
früher Essen einfach eine Lust war, Bewegungsdrang für gutes Aussehen, wobei es
früher einfach lebensnotwendig war, dass man sich bewegte, scheinbar psychologisch
untermauerte Untersuchungen, was eine Vorliebe für eine bestimmte Märchengestalt
über den Charakter einer Person verrät. Doch es gibt auch richtige moderne
Märchen. Eines hat Norbert Blüm verfasst: „Die Renten sind sicher“.
Eines stammt von Rena Schwarz: „Das Märchen von der Gleichberechtigung“.
Das hat ein offenes Ende. Es begann vor Jahrzehnten, als sich Frauen gegen die Väter
des Grundgesetzes wandten, immer wieder Erfolge erzielten „...und wenn sie nicht
gestorben sind, fällt ihnen immer noch etwas ein, wofür sie kämpfen
wollen.“ Prinzessin ist kein Traumjob, aber vielleicht Königin? In ihrer
Zugabe bewirbt sich Rena Schwarz als Angela Merkel bei ihren lieben Mitbürgerinnen und
Mitbürgern für diesen Job. Nun, das publikum würde nach diesem
vergnüglichen Abend sicher Rena Schwarz wählen.
Ute Büttner
Schlager&Chansons der 20er und 30er Jahre Adelheid Wasse und Udo Wasse im
Kräuterkasten (28. 9. 2018) Frauen, die keine Engel sind, Männer, die
alle Verbrecher sind, stolzeste Frauen und arme Gigolos erweckten Adelheid Wasse am Klavier
und Udo Wasse mit Gesang am Freitag im Kräuterkasten wieder zum Leben. Ein
Charleston zu Beginn, den Adelheid Wasse schwungvoll über die Tasten tanzen lässt,
da schlagen einem fast die Beine aus, bewegen sich zu diesem charakteristischen Rhythmus
zurück in die alten Zeiten. Dort wartet ein seriös gekleideter Herr und hat sofort
wichtige Ratschläge zur Hand, „Ein bisschen Puder.....................ja, das
gehört zu jeder schönen Frau“. Es geht schließlich um Mann und Frau,
ihre Eigenheiten, ihre Beziehung zueinander. Das wird untersucht und beschrieben von Texten,
die kunstvoll gereimt sind, die wirklich witzig sind, aber auch melancholisch, ironisch, die
lakonisch einen Schlusspunkt setzen, die passend als Foxtrott, Rumba, Tango, langsamer
Walzer dargeboten werden. Sie vermitteln ein eigenwilliges Geschichtsbild, Sokrates sinniert
über Frauen, Pharao Ramses ist Gast „In der Bar zum Krokodil“. Sie zeigen
aber auch zeitlose Probleme auf, „Benjamin, ich hab nichts anzuziehen...........ich
bin ja so arm“ schluchzt die Stimme. Der vermeintlich stürmische Herzensbrecher
ist immer noch richtig lahm und deshalb besonders komisch. Die Nachbarn tuscheln wie eh und
je über das mögliche Verhältnis der Frau von nebenan, „..es war ja so
schön!“ zeigt eine glückliche Beziehung. Erinnerungen werden wach an
Komponisten und Interpreten, Ernst Reutter, Marlene Dietrich, Zarah Leander, Heinz
Rühmann, die Comedian Harmonists. Udo Wasse setzt die richtigen Akzente. „Wer
weiß?“, fragend fällt die Stimme, „Schaaade“ betont er mit
anzüglichem Blick als der, der sich als Hausfreund anbiedern will. Mit
verschwörerischem Blick und Tonfall beschreibt er den Schwindel um „Eine Frau in
ihren Jahren“, ruhig und bedächtig und mit echter Teilnahme dagegen betrachtet er
den schönen und doch armen Gigolo, schafft es aber auch, dass alle im
Kräuterkasten ihm singend zustimmen, wenn er kräftig konstatiert, dass Männer
zwar Verbrecher, aber trotzdem lieb sind. Frau und Mann, die sich unterscheiden und doch
gleichen in ihren Wünschen, Empfindungen. „Merci, mon ami“ sang einst Zarah
Leander. Jetzt übernimmt Udo Wasse, denn Frau und Mann können sich
schließlich mit den gleichen Worten für erlebtes Glück bedanken.
„Nehmen'se 'nen Alten“ rät er am Schluss vergnügt. Das begeisterte
Publikum würde sicher dem Kräuterkasten raten „Nehmen'se mal wieder Adelheid
Wasse und Udo Wasse für solch eine vergnügliche Veranstaltung.“. Die
Zugabe führt nach Südamerika. Das ist sehr passend, denn Adelheid und Udo Wasse
wollen für diesen Abend kein Geld sondern bitten um eine Spende für den
„Jardin del Eden“ in Ecuador, auch dafür gebührt ihnen herzlicher
Dank.
Ute Büttner
Lachfalten Dieter Huthmacher im Kräuterkasten Freitag 14. 9. 2018
Mit Gesang und Gitarre, mit Dialogen, mit Schwäbisch und Hochdeutsch brachte Dieter
Huthmacher am Freitag wieder einmal die Gäste im Kräuterkasten zum Lachen.
Zum Lachen reizen Politiker und Sportler, vor allem aber ganz normale Menschen in ihrem
Alltag. Menschen, die zeitlose Probleme haben „Was schenkt man zum Muttertag?“,
oder moderne „Du hast ein Buch gelesen! Wie war's?“. Menschen, die sich so
wichtig fühlen, wenn sie im Restaurant per Handy von daheim die Einkaufsliste abfragen,
als sei das eine geschäftliche Großaktion. Die in gehobener, höchst
komplizierter Sprache einen Fußballspieler interviewen und bloß erfahren
„I hau den Ball rein“. Menschen, die Dialekt sprechen. Doch Dieter Huthmacher
benützt das Schwäbische nicht als billige Lachnummer, er setzt es bewusst ein.
Wenn zwei Handwerker fachmännisch auf Schwäbisch schwadronieren, klingt das
für die Zuörer noch verwirrender und komischer als Hochdeutsch. Mit viel
Vergnügen spielt Dieter Huthmacher auch mit Lauten und Worten. Wie vieldeutig ist doch
ein „so!, sooo?“ ein hartes oder weiches „sch“. Wie komisch
hört es sich an, wenn sich zwei Musiker über „proben“ und
„üben“ unterhalten. Musik ist neben der Sprache das Fachgebiet von
Dieter Huthmacher. Er verwandelt seine Beobachtungen in Melodien. Er erzählt singend,
was er beobachtet hat, fasst dann seine Erkenntnisse zusammen in einem voll tönenden
Refrain. Er beschreibt Einzelheiten kleiner Städte im Nordschwarzwald und
schließt mit schwelgerischem Lob auf die ganze Landschaft. Er beschreibt fast
verschwörerisch im Sinne bester Liedermacher die sonderbaren Nachbarn und setzt betont
und langsam die guten Menschen dagegen. Die Gitarre wird zur tickenden Pendeluhr, wenn er
sich Gedanken über das Alter macht. Und schwungvoll und beseligt wie einst Doris Day
blickt er „que sera,sera“ auf die unbekümmerten Kinder. Dieter
Huthmacher hat nicht nur die Gitarre sondern auch die Zuhörer voll im Griff, lässt
sie nicht aus den Augen, beugt sich zu ihnen vor, wendet sich ab, schafft es spielend, dass
sie voll einstimmen „Do semmer dabei“. Seiner Aufforderung „Lach
doch“ kommen sie den ganzen Abend nach. Lachen glättet ja angeblich die Falten im
Gesicht. So gehen an diesem Abend alle mit straffer Haut nach Hause. Mehr noch: Als eines
der Schlusslieder stimmt der Künstler „Ade zur guten Nacht“ an, und siehe
da, alle im Kräuterkasten können auswendig mitsingen. Dieter Huthmacher singt die
letzte Zeile „Da komm ich wieder“ mit viel sagendem Ton und Blick. Das
begeisterte Publikum lässt ihn erst nach Zugaben gehen und hofft, dass er sein
Versprechen wahr macht und da wieder in den Kräuterkasten kommt.
Ute Büttner
Die Herbstmonate im Kräuterkasten Die Ferien gehen zu Ende. So beginnt auch
am Dienstag, 11. September um 14.30 Uhr im Kräuterkasten wieder die Arbeit. Die wird
aber vom Team eher als Vergnügen angesehen, wenn es gilt, die Gäste wieder mit
selbst gebackenen Kuchen, mit Brezeln, mit Getränken aller Art, mit Gesprächen zu
versorgen. Geöffnet ist wie immer dienstags bis freitags am Nachmittag sowie am
Samstagmorgen. Vergnügen wird sicher allen auch das Kulturprogramm bereiten,
normalerweise freitags um 20 Uhr. So sorgt am 14. September Dieter Huthmacher auf seine
bewährte Weise für „Lachfalten“. Für den Herbst sind viele
Künstler angesagt, die schon öfter im Kräuterkasten waren, dem Publikum lieb
und vertraut sind. Neu in dieser Runde sind aber am 28. September Adelheid und Udo Wasse,
die mit „Schlager und Chansons der 20er und 30er Jahre“ sicher Grund zum
fröhlichen Erinnern bieten werden. Dieses Konzert beginnt schon um 19 Uhr. Es ist eine
Benefizveranstaltung zugunsten des Kinderheims „Jardin del Eden“. Am 12. Oktober
macht sich Rena Schwarz Gedanken über ihre berufliche Zukunft und kommt zu dem Schluss
„Prinzessin ist auch kein Traumjob“. Claudia Zimmer und Herwig Rutt holen am 19.
Oktober ihren Termin vom letzten Herbst nach. Sie haben sich nicht verändert und
beteuern immer noch „Ich bin nicht Heinz Erhardt“. Carsten Höfer kommt an
einem Samstag, dem 10. Oktober. Er beschäftigt sich wieder einmal mit dem Mann als
solchem und hat mit „EHE-MÄN“ den Superhelden gefunden. Am 30. November
beschließt Birgite Gebhardt das Herbstprogramm. Als Mademoiselle Mirabelle wird sie
unter der „Guillotine d' amour“ scharfsinnig und treffsicher deutsche und
französische Eigenheiten aufs Korn nehmen. Spaß werden auch die Kinder haben,
jeweils samstags um 16 Uhr. Am 15. September kommt der Puppenspieler Christoph Frank und
bringt „Elefantöne“ mit. Die Puppenbühne Valentiko erzählt am 29.
September „Kater Murr's Abenteuer“. Ewelhimo entführt am 1. Dezember in die
„Märchenwelt“ von H.C.Andersen. Schließlich sorgt Fedor Lantzsch am
8. Dezember für „Zauberhafte Momente“ für Jung und Alt. Das Team vom
Kräuterkasten freut sich auf viele Gäste, denen es mit Kultur und Kulinarik
Vergnügen bereiten kann.
Ute Büttner
„LiteraTierisches“ Jürgen Wegscheider und Markus M.
Winkler am 4. 5. 2018 im Kräuterkasten Tiere und Literatur, wie gut das
zusammen passt, das zeigten am Freitag Jürgen Wegscheider und Markus M. Winkler im
Kräuterkasten. Märchen, Geschichten, Dialoge, Gedichte von den Gebrüdern
Grimm über Wilhelm Busch zu Manfred Kyber, Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz,
Christian Morgenstern, es ist eine Mischung, die zum Lachen reizt, aber auch zum Nachdenken
und zu der Erkenntnis führt, dass sich die Menschen nie ändern. Das Reh von
Ringelnatz ist leider aus Gips, sein Meerschweinchen sucht das Meer, aber der Seehund klagt
den Robbenjäger an, weil der nur an den eigenen Gewinn denkt, und wenn Morgensterns
vegetarischer Hecht das Wasser verseucht, lacht man und denkt doch auch an Parallelen zu
heute. Völlig zeitlos verhält sich auch Manfred Kybers Spatzenehepaar, bei dem
zwar die Frau den Namen des Mannes trägt, aber beim Streiten beweist, dass sie der Herr
im Haus, bzw. im Nest ist. Tiere sind Typen wie Menschen, der Frosch denkt nur an Beute, die
Ameise nur an das Wohl des Staates, die Eintagsfliege will den einen Tag genießen. Die
Unterschiede verschwimmen. Wenn Busch oder Tucholsky zum Besuch der Affen im Zoo einladen,
weiß man am Ende nicht mehr, wer Mensch, wer Affe ist. Und doch gibt es Grenzen. Das
zeigt sich beim angeleinten Hund, der fauchend den ungeschickten Annäherungsversuch
eines Passanten abwehrt. Es sind teils richtig lange Geschichten, doch sie werden
höchst kurzweilig in Szene gesetzt von den Schauspielern Jürgen Wegscheider und
Markus Winkler. Der aus dem Zoo ausgebrochene Löwe schreitet durch den
Kräuterkasten wie durch die Straßen Berlins, dieweil die Menschen zu Tucholskys
Zeiten reagieren wie heute mit Aktivismus, Sensationsgier. Die Ameise trippelt
geschäftig durch den Raum, während dem Frosch fast sichtbar das Wasser im Maul
zusammen läuft. Zwei Stühle werden zum Käfig und da hockt der Affe, laust
sich, dass es einem fast schlecht wird, stiert ins Publikum, als sei er der Besucher. Die
Künstler teilen sich richtig abgestimmt die Texte auf und geraten doch einmal fast
aneinander, als einer ein unanständiges Wort benutzt. Doch der tadelnde Blick ist
falsch, war es doch Goethe selbst, der in seinem Storchengedicht den Ausdruck verwendete.
Ein Höhepunkt und ganz modern werden die Bremer Stadtmusikanten. Der Esel wirkt
besonnen, die Katze wie ein altes Frauchen, der Hund klagt wie ein Manager heute, der nicht
mehr gebraucht wird. Wenn dann der Hahn zu krähen anfängt, wundert man sich nicht
mehr, dass die Räuber die Flucht ergreifen. Am Ende des Abends treffen sich die Tiere
zu einem fröhlichen Ball und bereiten ihn vor wie die Menschen. LiteraTierisch, man
kann ergänzen und sagen, es war ein literaTierischMenschlicher und dazu ein höchst
vergnüglicher Abend, den die leider nur wenigen Zuschauer im Kräuterkasten
genießen durften.
Ute Büttner
Der Chor der Mönche Wolfgang Vogt, Michael Niethammer, Volker Siegle
und Herbert Carl am 16. 3. 2018 im Kräuterkasten Wieder einmal erfüllte
der Chor der Mönche den Kräuterkasten mit Gesang, Lebenserfahrung, alten und neuen
Erkenntnissen. Kerzen und Kutten im Kräuterkasten. Andächtig lauschen die
Gäste der salbungsvollen Begrüßung im gregorianischen Stil. Aber die vier
Mönche, die einst in einer Kapelle beschlossen, fortan keusch zu leben und a-cappella
zu singen, werden wieder einmal ihren Vorsätzen untreu. Zu feurigem ungarischen Tanz,
Jazzklang und modernem Sound werfen sie ihre Kutten ab und ihre Blicke auf die Frauen.
Siegessicher sind sie, denn wie soll ein armseliges Babyface mit ihnen, vier Männern im
gestandenen Alter, konkurrieren können. So lassen sie ihre Verführungskunst
spielen, sei es solide schwäbisch gegen reiche Schnösel, sei es fiebrig im
Triebwagen. Aber sie haben noch mehr zu bieten, haben Ratschläge für viele
Probleme. Obwohl im gesetzten Alter, sind sie auch offen für Neues, verbinden geschickt
das, was sich bewährt hat mit neuer Technik. Lästige Formulare etwa kann man wie
früher im guten alten Ofen verbrennen, man muss sie nur, weil sie ja heute per Email
verschickt werden, vorher ausdrucken. Smartphones machen ihre Nichtbesitzer schrecklich
einsam, aber wenn man sich dann eines zulegt, erkennt man rasch, welche Vorzüge die
reale Welt gegenüber der virtuellen hat und wirft das Gerät weg und ist nicht mehr
traurig einsam sondern fröhlich einsam. Neue Stücke mischen sich mit wohl
bekannten und lieb gewonnenen. Ein Mönchsabend ohne rumorendem Rulaman oder jodelnden
Chinesen wäre einfach unvollständig. Was sich nicht ändert, ist die einmalige
Art der Darstellung. Alle sind ständig in Aktion, als Gesangssolist, als Duo, als
Saxophon, als gezupfte Saite. Sie loben und strafen mit Blicken und Gesten, lesen
desinterressiert die Zeitung, schleichen sich aus der Meditationsübung weg in die wohl
verdiente Programmpause. Man leidet förmlich mit, wenn der angebliche,
unerwünschte Zitronenbaum, der sich dann leider als geliebter Quittenbaum erweist,
mühsam umgesägt wird. Sie bilden eine vollkommene Einheit, wenn sie im
spröden Sprechgesang vor den Folgen des Alkohols warnen und unmittelbar danach ein
stimmungsvolles Loblied auf den Wein anstimmen oder wenn sie mit straffer Körperhaltung
und frischen Stimmen ganz im Stile der guten alten Männergesangsvereine den
schwäbischen Most preisen. Sie verwandeln sich spontan vom Gesangsquartett um in ein
Orchester. Selbst wenn sie scheinbar chaotisch agieren, sind sie völlig auf einander
abgestimmt, fügen am Fahrkartenautomaten exakt den verwirrenden …..stetten,
…..hausen,....lingen...., Ober...., Unter....., Wald..... die korrekten fehlenden
Teile der Ortsnamen zu. Ohne Zugaben dürfen die Mönche niemals geben. Zur
Beruhigung der ausgelassenen Stimmung treten sie schließlich nochmals in ihren Kutten
auf, versuchen, die Gäste in den Schlaf zu singen. Ohne Erfolg, denn diese Gäste
verlassen den Raum hellwach, sie lachen und reden über diesen gelungenen Abend und
freuen sich alle schon auf den nächsten Besuch der Mönche.
Ute Büttner
Gleis 4 und Lisa Kraus Schiller hatte sich gewundert
Internationaler Frauentag – subtiler Wortwitz mischt sich mit
Saxophonklängen. „Nichts soll meine Schritte fesseln“ lautete das
Motto am internationalen Frauentag im Stauffenbergschloss beim Auftritt des
Saxophonquartetts >>Gleis 4 << mit Sprecherin Lisa Kraus - Frauenpower im
Fünferpack. Von Desiree Dietsche Das Motto - „Nichts soll meine
Schritte fesseln“ galt am Donnerstagabend auch für Musik und Wörter, als die
vier hervorragenden Saxophonistinnen von „Gleis 4“ und die resolute Sprecherin
Lisa Kraus Werke bekannter und weniger bekannter starker Frauen präsentierten. Der
Abend, den das Kulturamt und die Kräuterkasten-Initiative gemeinsam organisiert hatten,
bescherte dem Stauffenbergschloss einen voll besetzten Saal, wobei der Frauenanteil
erwartungsgemäß viel höher war als jener der Herren. Dass sich Frauen erst
einmal einen Platz in der Literaturproduktion hatten erkämpfen müssen, betonte
Lisa Kraus gleich zu Beginn mit einem provozierenden Zitat von Friedrich Schiller, der
einmal seine Verwunderung über weibliche Lyrik kundgetan hatte. Es folgten
Überlegungen, wie beim Schreiben vorzugehen sei, die unter anderem Hilde Domin, Mascha
Kaléko und Marina Zwetajewa angestellt hatten. Auch christlich Angehauchtes, ernste
und heitere Texte, etwa über das Selbstbewusstsein der Gänse, fanden Raum im
Programm. Wenn Lisa Kraus die Zuschauer über ihe Halbmond-Brillengläser hinweg
fixierte, herrschte Konzentration. Sie war nötig, um den subtilen Wortwitz und die
Sprünge in ihrer Lesung verarbeiten zu können. Die Musikerinnen Dorothea
Tübinger, Iris Gojowczyk, Andrea Riedel und Christina Schoch bereicherten das
geschriebene Wort mit beschwingt frechen bis andächtigen Stücken, bei denen die
vier unterschiedlichen Arten des Saxophons beeindruckend harmonierten. Einige der
älteren Stücke hatten sie für die Instrumente umschreiben müssen.
“Wir haben alle Werke, die wir bei unseren Recherchen gefunden haben, auf dem Boden
ausgebreitet und dann überlegt, wie wir sie kombinieren“, erklärte Lisa
Kraus im Anschluss. Vera Matthes vom Kulturamt freute sich über die gelungene
Zusammenarbeit mit der Kräuterkasten-Initiative, die dem Publikum einen erlebnisreichen
Abend bescherte, der in fröhlicher Runde bei Snacks ausklang.
„Anderthalb Stunden zu spät Theater unter der Laterne im
Kräuterkasten am 23. 2. 2018 Anderthalb Stunden lang spielten am Freitag im
Kräuterkasten Gabriele Gatzweiler und Christoph Holbein „Anderthalb Stunden zu
spät“ von Gérald Sibleyras und Jean Dell. Die Situation dürfte
Ehepaaren bekannt sein: Er kommt im Mantel ins Wohnzimmer, ungeduldiger Blick auf die Uhr,
auf die Tür. Sein Arbeitskollege hat zum Abendessen eingeladen, und Pierre will
pünktlich erscheinen. Dann kommt seine Frau Laurence ins Zimmer, macht keine Anstalten,
den Mantel anzuziehen, räumt den kleinen Tisch ab, starrt vor sich hin. Mit
weinerlicher Stimme erklärt sie, dass sie nicht gehen will. Sie kann nicht, sie
fühlt sich alt, steht vor einem Abgrund, hat Angst vor der Zukunft. Pierre gibt ihr
etwas Zeit, fünf Minuten, zehn Minuten, da müssten ihre Probleme doch zu
lösen sein. Es werden anderthalb Stunden, in denen das Publikum alles über das
Paar erfährt. Er, durchaus erfolgreicher Steueranwalt, sie mit gutem
Universitätsabschluss, drei prachtvolle erwachsene Kinder, seit gestern sogar ein
Enkelkind, eine Familie, der es an nichts fehlt. Oder doch? Laurence war
„bloß“ Mutter, hat zum Ausgleich nur die Malerei als Hobby. Sie kommt mit
der Schwiegertochter nicht zurecht. Pierre beargwöhnt den Partner der Tochter. Mehr
noch, die Beziehung des Paares basierte 19 Jahre lang auf einer Lüge. Laurence gesteht,
dass sie damals gar keine Affaire mit Jacques hatte. Wie soll es weiter gehen, in einem Jahr
geht Pierre in den Ruhestand, wie werden sie leben, wie als alte Menschen ihre sexuelle
Beziehung gestalten? Zwei Personen im stets gleichen Zimmer, die anderthalb Stunden lang
erklären, fragen, anklagen, triumphieren, trösten, das erfordert viel an
Schauspielkunst. Christoph Holbein zeigt Pierre in allen Facetten. Herrisch streckt er
Laurence den Mantel hin, betont leise und damit drohend jede Silbe „Du gehst jetzt in
die Garage“, beginnt zu brüllen. Er bietet jovial Hilfe an, zeigt dann auch
ehrliche Zuneigung, wenn er sich mit zärtlichem Lächeln nähert, fährt
empört zurück, wenn er in seiner Eitelkeit getroffen wird. Er hat doch früher
alles gut gemacht, den angeblichen Fehltritt der Frau zum erfolgreichen neuen Start ihrer
Beziehung genützt. Er stottert unsicher, wenn er ertappt wird. Laurence leidet, liegt
kraftlos auf dem Sofa, resümiert klagend ihr Leben, das auf die Mutterrolle
beschränkt war, weigert sich trotzig wie ein Kind, endlich mit aufzubrechen, steht an
der Staffelei und wehrt ihn kühl ab, konstatiert scheinbar ganz sachlich seine
Schwächen, räumt das Zimmer auf, als ob sie ihn vergessen hätte, wendet sich
ihm dann wieder voll und ganz zu. Vereint sitzen dann beide auf dem Sofa, suchen
körperlichen Kontakt. Gemeinsam versuchen sie, die Zukunft zu planen. Das wird richtig
komisch, wenn er zur Steigerung der Libido getrennte Schlafzimmer vorschlägt und
vorspielt, wie der, der gerade Verlangen verspürt, zum Zimmer des anderen schleicht.
Ein Anfang ist gemacht. Da ist doch noch die Einladung. Und jetzt ist es Laurence, die ihren
Mann drängt, dass sie endlich aufbrechen. Anderthalb Stunden mussten die Gastgeber
warten. Vielleicht werden sie Laurence und Pierre nie mehr einladen. Aber das Publikum
verfolgt das Geschehen völlig fasziniert, und es ist sicher, dass Gabriele Gatzweiler
und Christoph Holbein wieder einmal in den Kräuterkasten eingeladen werden.
Ute Büttner
„Coindrafine celtic music Sangita Wyslich und Katharina Ostarhild im
Kräuterkasten am 2. 2. 2018 Mit Geige und Gitarre, mit Gesang und Geschichten
lockten Sangita Wyslich und Katharina Ostarhild am Freitag die Gäste im
Kräuterkasten nach Irland. Nun, die Römer fanden dereinst überhaupt nichts
Verlockendes auf dieser Insel, um sich dort anzusiedeln. Zum Glück, konnten so doch
dort die Bewohner keltische Tradition, Musik bewahren und an die Nachwelt weiter geben. Aber
Sangita Wyslich und Katharina Ostarhild lieben die Insel und vermitteln das ihren
Zuhörern. Sie erzählen aus der Geschichte Irlands und Schottlands, von den Clans,
die immer eine jeweils eigene Musik entwickelten, von den Konflikten zwischen England,
Schottland, Irland, von der großen Hungernot, die viele Iren nach Amerika fliehen
ließ. Sie berichten aber auch von ihren eigenen Begegnungen mit den Menschen auf der
Insel, der wunderbaren Landschaft, dem fröhlichen Treiben in den Pubs. Melancholie,
Trotz, dann wieder Hoffnung und Ausgelassenheit prägen die Musik. Sangita Wyslich mit
der Geige und Katharina Ostarhild mit der Gitarre sind ein gleich berechtigtes Duo. Die
Geige entfaltet quirlige Läufe, tanzt in Triolen, steigt beschwingt hoch, verhält
auf hohem Ton wie zum Nachdenken und nimmt wieder Tempo auf. Die Gitarre liefert das
verlässliche Fundament, schreitet feierlich daher, wird energisch, stampft auf. Beide
Instrumente halten abrupt inne, als müssten sie zur Besinnung kommen, erkennen dann
„another way of living“ und werden wieder ausgelassen. Sie beschreiben in
dunklen, sanften Tönen den „Garden of my soul“ und hüpfen dann
fröhlich bei „Jumping jigs“. Sie erinnern sich fast elegisch in Chicago an
die Abendschatten in Irland, helle Töne gleiten scheinbar ziellos über die Saiten
und orientieren sich dann an einem tiefen Grundton. Die beiden Musikanten sind wirkliche
Könner und ideal auf einander eingespielt. Sie achten auf einander mit Blicken und
Gesten, sind sich einig. Das zeigt sich auch, wenn sie singen. Sie beschwören den Wert
der Freundschaft, sie sind hoffnungsvoll „I'm ready for the time to get better“
und wissen „I will be free“. Es sind Künstler, die völlig
ungekünstelt und ohne technische Verstärker singen und spielen. Wie gesagt,
die Römer waren abgestoßen von Irland. Aber das Publikum im Kräuterkasten
ist begeistert von der Insel,seiner Musik, den beiden Interpreten. Es klatscht immer wieder
mit, und als bei der zweiten Zugabe Sangita Wyslich mit ihrer Geige vergnügt durch die
Reihen tänzelt, verhindert nur die Enge des Raumes im voll besetzten
Kräuterkasten, dass die Gäste wie in einem irischen Pub fröhlich mittanzen.
Ute Büttner
„Ene, mene,muh - „ Thomas Schreckenberger im
Kräuterkasten am 13. 10 2017 ---wem traust du?“ fragte Thomas
Schreckenberger am Freitag im Kräuterkasten die Gäste, suchte selbst voller
Zweifel nach einer Antwort. Wem kann man heute noch trauen, war das früher besser?
Konnte man sich auf Politiker wie Strauß, Brandt, Kohl verlassen? Wie sieht es heute
aus nach der Wahl, könnte ein Außenminister türkischer Herkunft den
türkischen Präsidenten in die Schranken weisen, eine laute Frau der SPD auf die
Sprünge helfen, eine leise Frau als Regierungschefin mächtigen Industriekonzernen
und Banken Paroli bieten? Thomas Schreckenberger durchforscht alle Gesellschaftsschichten,
wird nicht fündig, nicht bei Lehrern, die anstelle von Noten wachsweiche
Schülerbeurteilungen schreiben, nicht bei den Eltern, nicht bei den den Kirchen, nicht
bei den Bürokraten und ihren abstrusen Regeln, nicht beim wichtigsten Sport, dem
Fußball. Das wäre eigentlich zum Heulen, wäre da nicht die besondere Art,
wie Thomas Schreckenberger seine Erkenntnisse präsentiert. Auf Ernst folgt ein
komischer Abschluss: Rüstungsexporte in sichere Länder sind nicht zum Lachen, doch
er stuft Saudi Arabien nicht mehr als sicheres Land ein, weil dort die Frauen jetzt auch
Auto fahren dürfen. Erdogan liegt völlig falsch mit der Entlassung und Verhaftung
von Lehrern, denn „Lehrer planen doch direkt vor den Sommerferien keinen
Putsch!“ Das Rentenproblem könnte man lösen, indem man an der Ampel die
Grünphase für Fußgänger verkürzt, doch leider sind die Alten heute
zu fit, Opfer wären die zu dicken Kinder. Für Donald Trump gäbe es eine
Lösung, doch der weigert sich, im offenen Cabrio durch Dallas zu fahren. Das Lachen
bleibt da manchmal im Halse stecken, doch Thomas Schreckenberger hat auch viel Spaß an
lustigen Wortspielereien, wenn er in Bezug auf Frauen über den Unterschied von
„das kleine Schwarze“ und „der kleine Schwarze“ räsoniert oder
mit Blick auf Fußballidole säuselt „Das Ehrenamt muss sich wieder
lohnen“. Ein Gebiet gibt es noch, das vertrauenswürdig ist, die Kunst. Und
jetzt zeigt sich Thomas Schreckenberger als genialer Schauspieler, wenn er in Shakespeares
„Romeo und Julia“ Angela Merkel und Horst Seehofer die Hauptrollen spielen
lässt und ihnen weitere Politiker wie von der Leyen oder Stoiber zugesellt.
Natürlich gibt es in dieser Version ein gutes Ende, Julia überlebt und ist
erleichtert. Sein Geschick für Parodie zeigt er auch, wenn er Merkel, Schäuble,
Oettinger, Kretschmann als Anrufbeantworter fungieren lässt, da stimmt alles,
Gesichtsausdruck, Gesten Phrasen. Der Höhepunkt ist allerdings erreicht, wenn er Angela
Merkel aus ihrer Lethargie weckt, indem er Klaus Kinski aus ihr sprechen, gestikulieren und
Blicke schleudern lässt. Das ist so unheimlich und drohend, dass es einen eigentlich
grausen müsste, würde man nicht von Lachen geschüttelt. Wem kann man
trauen? Nun, das begeisterte Publikum traut Thomas Schreckenberger zwei Zugaben zu, und wenn
er wieder einmal in den Kräuterkasten kommt, werden sich alle trauen, wieder seine
Gäste zu sein.
Ute Büttner
Unter den Mandelbäumen
Erzählkonzert mit Revital Herzog im
Kräuterkasten 29. 9. 2017 Wieder
einmal lud Revital Herzog Gäste ein, damit sie diesmal „am Tisch unter den
Mandelbäumen“ ihren Geschichten und ihrer Akkordeonmusik lauschen konnten.
Elegisch, dann etwas beschwingter stimmt das Akkordeon auf den Abend ein. Dann
begrüßt Revital Herzog, in Israel geboren, mit persischen und irakischen Wurzeln,
seit Jahrzehnten in Deutschland lebend, ihre Gäste auf Hebräisch. Sie berichtet
vom jüdischen Neujahrsfest, das im Herbst stattfindet, von den Menschen, die in dieser
Zeit Rückschau auf ihr Leben halten. Sie erzählt von Beduinen, deren Geschichten
sie inspirierten, sie denkt an ihren persischen Großvater, der ihr ein Vorbild war,
der ein großartiger Erzähler war und für ein Märchen eine ganze Woche
lang brauchte. Nun, so lange dauert es bei Revital Herzog an diesem Abend nicht, aber sie
nimmt sich dennoch Zeit für ihre Geschichten über Juden, Christen, Muslime, deren
gemeinsame menschliche Stärken und Schwächen sie aufzeigt, und sie beachtet dabei
ein wichtiges Motto des Orients: Um zu überleben braucht man Humor, muss man lachen
können. Zwei Pilger sind auf dem Weg nach Mekka, sehen nachts den Sternenhimmel. Der
eine beginnt zu philosophieren über das All, der andere konstatiert trocken, die Sicht
sei nur möglich, weil ihnen jemand ihr Übernachtungszelt geklaut hat. Drei Diebe
in Persien leeren ein Weinfass mit einem Strohhalm, aber erst der dritte gibt zu, dass
dieser verbotene Trank nicht kostbarer Wein, sondern Pferdepisse ist. Ein Grabmal wird zur
heiligen Stätte für Pilger, doch darin begraben ist nur ein Esel. Schon beim Vater
dieses Esels passierte das, das Verhalten von wundergläubigen Menschen ändert sich
nicht. Ein Rabbi praktiziert eine ganz neue Art der Wiederbelebung, indem er Wodka auf das
Wohl des Sterbenden trinkt, leider ohne Erfolg. Doch bei allem Lachen mischt sich auch
Nachdenkliches ein, wenn etwa ein Rabbi nicht mehr in die Synagoge eintreten kann, weil
diese bereits gefüllt ist mit lauter hohlen, nichtssagenden Wörtern. Revital
Herzog erzählt bedachtsam, mit sparsamen Gesten, wird energischer, wenn es dramatisch
wird. Sie hat ihre Zuhörer voll im Blick, bezieht sie ein mit Fragen, mit
verschwörerischem Augenzwinkern. Aber wenn sie dazwischen auf dem Akkordeon
spielt, ist ihr Blick nach innen gerichtet, lauscht sie selbst. Die Musik passt zu den
Geschichten, Klezmer, orientalischer Singsang, ein italienisches Lied, ein Tango, Melodien,
die tanzen, zielstrebig schreiten, die über das Erzählte nachzudenken scheinen.
Musik, die den Zuhörern Zeit gibt, das Gehörte zu wirken zu lassen und sie bereit
macht für eine neue Erzählung. Zwar sitzen die Gäste nicht unter
Mandelbäumen sondern im Kräuterkasten, aber sie lauschen gebannt der, die sie
eingeladen hat und sie wünschen sich, dass sie bald wieder einmal von Revital Herzog
eingeladen werden.
Ute Büttner
Le Trio For me – dable
Marc Delpy, Franco Ferrero und Christian Brinkschmidt im Kräuterkasten am 15. 9.
2017 Mit Chansons aus den letzten fünfzig Jahren sowie mit eigenen
Kompositionen von Marc Delpy unterhielten Marc Delpy, Gesang und Gitarre, Franco Ferrero,
Akkordeon, und Christian Brinkschmidt, Kontrabass am Freitag die Gäste im voll
besetzten Kräuterkasten. Ein Musette-Walzer zum Anfang, angeführt von einem
beseelten Akkordeon, französisches Flair füllt den Raum und bestimmt den Abend mit
einer Mischung aus bekannten und weniger bekannten Chansons. Marc Delpy stellt jeden Titel
vor, erzählt, wann und warum Charles Trenet aus Narbonne „La mer“ schrieb,
was ihn selbst dazu bewegte „Une page blanche“ zu füllen. Und dann
musizieren sie, höchst kunstvoll und dennoch völlig ungekünstelt, schaffen
zudem besondere Nähe, weil sie ohne jeden Verstärker auskommen. Marc Deply singt,
mal fröhlich und unbekümmert, mal melancholisch, mit halsbrecherischer
Geschwindigkeit oder ausdrucksstarker Betonung, scheint dabei gleichzeitig mit seiner
Gitarre verwachsen zu sein. Franco Ferrero sorgt mit dem Akkordeon für die richtige
Atmosphäre, zeigt, wie wandlungsfähig die Tonfarbe dieses Instruments ist,
lässt es singen, aufbrausen, leise verklingen wie eine Erinnerung, die verblasst,
lässt es gar als Schlagzeug fungieren, wenn der Sänger bekennt „J'aime le
chocolat“. Christian Brinkschmidt liefert mit dem Kontrabass das zuverlässige,
unerlässliche Fundament, tanzend, schreitend, „trottend“. Ein eingespieltes
Trio, das auf einander achtet. Sie lassen Freunde auf „La bicyclette“ radeln,
schnell und gleichmäßig, müssen aber abrupt innehalten um Atem zu
schöpfen. Sie schlendern durch „Toulouse“ und stellen dann mit harschen
Tönen eine Beziehung zum nahen Spanien her. Cole Porter, Charles Trenet, Serge
Gainsbourg, Juliette Greco, Edith Piaf, Yves Montant, man kennt die Komponisten und
Interpreten, man verfolgt Gilbert Bécaud in Moskau auf den Spuren von
„Nathalie“, man summt im Geiste mit „C'est magnifique“ und dennoch
klingen die Chansons oft wie neu. „Ganz Paris träumt von der Liebe“, doch
wie ändert sich der Charakter, wenn ein Engländer oder ein richtiger Franzose in
seiner Muttersprache träumt. „Milord“, doch jetzt lädt nicht Edith
Piaf mit Pathos und Dramatik ein sondern Marc Delpy, ein guter, verständnisvoller, eher
vernünftiger Freund. „C'est si bon“, dem kann man nur zustimmen.
Das war so gut, dass das begeisterte Publikum dieses wahrhaft formidable Trio erst nach zwei
Zugaben entlässt und sich ein Wiedersehen und Wiederhören wünschen
würde.
Ute Büttner
Buschiaden
Ein Wilhelm-Busch-Abend im Kräuterkasten 12. 5. 2017
Auf besondere Weise präsentierten die Schauspieler Markus Maria
Winkler und Jürgen Wegscheider Wilhelm Busch am Freitag im Kräuterkasten.
Rote Jacke und blaue Weste der eine, blaue Jacke und rote Weste der andere,
dunkle Mützen für beide, zwei die zusammen gehören und sich doch
unterscheiden, die sich aneinander messen, streiten, harmonieren. Wie passend für die
menschlichen und tierischen Figuren bei Wilhelm Busch, die einmal Sieger bleiben, wie der
Igel gegen den Fuchs „bewaffnet, doch ein Friedensheld“ oder scheitern wie der
Frosch gegen den Finken „so irrt sich der“.
Es wird eine bunte Wilhelm-Busch-Mischung aus bekannten und weniger oft
gehörten Gedichten, Aphorismen, Erzählungen, Bildergeschichten. Erzählungen,
die makaber sind, wenn der Schlittschuhläufer in „Der harte Winter“
wörtlich den Kopf verliert und am Ende kopflos und glücklich weiter lebt. Die an
Märchen erinnern, wenn „Hänschen Däumeling“ auf seiner Irrfahrt
im Magen eines Hechtes landet, dort aber von seiner Mutter gefunden wird, die aus eben
diesem Hecht ein Essen zubereiten will. Es sind Gedichte, die fröhlich Selbstkritik
üben, „ein ganz famoses Haus“ oder fast elegisch Abschied nehmen
„nehme meinen Hut“. Sie beobachten genau die Boshaftigkeiten, Schwächen und
Stärken der Menschen. Den drei alten Tanten steht die Schadenfreude ins Gesicht
geschrieben bei der Wahl des Geschenkes für Paulinchen.
Denn Winkler und Wegscheider rezitieren nicht nur, sie spielen die Texte.
Reglos verharren sie, während der Pfannkuchen beim Wenden endlos in den Lüften
schwebt. Anzüglich lüftet Wegscheider die Mütze seines fast haarlosen
Partners „Wenn Lügen Haare wären..“, genüsslich zerstampft
Winkler „Die Fliege“ die er endlich gefangen hat. Die Rollen sind gut verteilt.
Das zeigt sich schon bei „Maus und Molli“, einer Mädchengeschichte in
sieben Streichen, die Wilhelm Mayer nach dem Vorbild von Wilhelm Busch geschrieben hat.
Winkler muht als Kuh und schleckt ungestüm die Wand ab, dann quakt er richtig nervig
als Ente, Wegscheider verkörpert die spießigen Menschen. Als Krönung folgt
später dann das Original „Max und Moritz“, ein Augen-und Ohrenschmaus.
Winkler lässt die Hühner krähen und jammervoll enden, Wegscheider heult als
Witwe Bolte und verwandelt sich dann blitzschnell in den kläffenden Spitz. Wenn er als
Lehrer Lämpel doziert, fühlt man sich wie auf der Schulbank. Kleinigkeiten zeigen,
wie alles genau geplant ist. Max und Moritz sägen so lange, bis der Steg
tatsächlich durch ist. Mühsam ziehen sie das letzte Huhn hoch. Winkler als Onkel
Fritz schläft nach dem Maikäferabenteuer so tief und schnarchend, dass ihn sein
Partner richtig wecken muss, damit endlich der nächste Streich angesagt werden kann.
Das begeisterte Publikum verlangt am Ende nach Zugaben, so schließen
die Künstler mit dem Vogel, der auf dem Leim sitzt. „Der Vogel, scheint mir, hat
Humor“. Nicht nur dieser Vogel, nicht nur Busch sondern auch Markus Maria Winkler und
Jürgen Wegscheider.
Ute Büttner
Lilly unter den Linden
Das Theater unter der Laterne im Kräuterkasten am 5. 5. 2017
Mit „Lilly unter den Linden“ von Anne C. Voorhoeve
führte das Theater unter der Laterne am Freitag das Publikum im Kräuterkasten
zurück in das geteilte Deutschland.
Leben in der DDR, ein privates Schicksal in Jena zwischen 1972 und 1988,
geprägt von den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten. Die früh
verwaiste Rita, die von ihrer Schwester Lena aufgezogen wird, fast eine Mutter-Tochter
Beziehung mit Trotz, Strenge, Liebe. Lena, die einen klaren, kritischen Blick auf die
äußeren Verhältnisse hat. Ihr Mann Rolf, der versucht, das Beste aus der
Lage zu machen. Die Tochter Katrin, die regimegetreu aufbegehrt. Rita, die sich nicht wohl
fühlt, die sucht nach der richtigen Lebensweise. Die zunächst eigentlich
bloß wissen will, wie es im Westen so aussieht, schließlich den Westdeutschen
Jochen in Ungarn trifft und mit ihm nach Hamburg flieht, eine Tochter bekommt, sich nach
Jochens Tod mit dem Franzosen Pascal verbindet. Ritas Tochter Lilly, die in Hamburg
aufwächst, als Kind schon den Tod der Mutter verkraften muss und jetzt wie damals Rita
auf der Suche ist. Bei Ritas Beerdigung sieht sie erstmals ihre Tante Lena und will zu ihr
in den Osten.
Man fühlt sich in die damalige Zeit zurück versetzt, durch die
Schauspieler, die in verschiedene Rollen schlüpfen und immer authentisch wirken, durch
charakteristische Einzelheiten. Joachim Mangold schwenkt als Rolf begeistert einen
ergatterten Schinken. Barbara Wydra präsentiert als Lena triumphierend einen selbst
gebackenen Kuchen, erklärt mit fester Stimme, was getan werden muss. Vanessa Litke
rennt als Katrin trotzig aus dem Zimmer und wird als Jugendamtbeauftragte ganz amtlich.
Gabriele Gatzweiler liegt als Rita schwach im Hospital, schreit als kleine Schwester Lena
an, will doch wenigsten einmal ein Tagesvisum für Westberlin, streitet und schmust mit
Tochter Lilly, begleitet sie fürsorglich nach ihrem Tod. Die junge Luca-Linea
Preuß sucht als Lilly mit großen Augen und eindringlicher Stimme nach Hilfe bei
den Erwachsenen oder erklärt entspannt und locker, wie viel einfacher doch das Leben in
Hamburg ist. Christoph Holbein schaut als Pascal fassungslos und oft hilflos auf die
Konflikte. Dann lärmt er als Freund Bernd und verleiht mit pathetischem Sächsisch
dem Abschnittsbevollmächtigten Komik. Doch hier zeigen sich die dunklen Seiten des
Lebens in der DDR. Wenn man sich bei Lena zur Lektüre trifft „Was, du hast einen
Artikel aus dem Spiegel?!“, wenn Freund Bernd plötzlich für den Staat
arbeitet, kann man ihm noch trauen? Man meidet ihn, aber man ist auch auf seine Hilfe
angewiesen. Und er hilft zwar, macht aber seine Überlegenheit deutlich. Ja, Lena
braucht ihn. Sie hat ihrer Schwester bei der Flucht geholfen, musste dafür ins
Gefängnis, verliert ihre Stelle als Lehrerin. Und sie bittet Bernd nochmals um Hilfe,
als Lilly in der DDR bleiben will. Der Weg von West nach Ost ist fast so schwierig wie der
Weg von Ost nach West.
Rita und Lilly als Wanderer zwischen zwei Welten. Die Geschichte sorgt mit
dem Mauerfall 1989 für ein Happy End. Die Gäste im Kräuterkasten müssen
zwar sehr aufmerksam das Geschehen verfolgen, es ist keine leichte Kost, aber sie
genießen diesen Theaterabend, der zum Erinnern und Vergleichen und Weiterdenken
anregt.
Ute Büttner
Ledig in Schwaben 8. 3. 2017 im Schloss in Lautlingen von Sabine Miller
Ob die no oiner freie dät?
Dietlinde Elwssässer fragt nach Alternativen zum schwäbischen Ehemann
Ledig in Schwaben und dass „Frau“ damit gut leben kann, das bringt Dietlinde
Ellssässer in ihrem Soloprogramm zwerchfellstrapazierend an den Mann.
Die Schauspielerin, Komödiantin und Lindenhof-Mitbegründerin hat am Weltfrauentag
einen kabarettistischen Leckerbissen präsentiert. Viele Frauen und einige Männer
füllten die Stuhlreihen und klatschten mit, als Dietlinde Ellssässer im
Hinguckerlook – geblümtes Hängerkleid, knallrote Bluse, ebensolche
Stiefeletten, Band im Haar – zu „Ein Festival der Liebe“ in den Musiksaal
hineintanzte.
„Oh, ein Mann!“ ruft sie entzückt und spricht ihre Entdeckung auf einem
der vorderen Plätze ohne Umschweife an: Hend Se mitmiesa? Wo gheret Se denn na? Der
Angesprochene, nicht auf den Mund gefallen, entgegnet :“Zur ganzen Reihe“.
Grosses Gelächter. Von diesem Moment an haben Dietlinde Ellssässer und ihr
verbales Spiel mit den Geschlechtern freie Fahrt.
„Ledig ohne Mann oder erledigt mit Mann?“ das ist die Frage ihres
Mundart-Kabaretts. Die bekennende Ledige erntet für die urkomische
Aufklärungskampagne über die Vorzüge dieses Dasein-Zustands Lachtränen.
Mit pfiffigen Pointen, kokettem Wimpern-Geklimper und trockenem Witz preist sie die
Vorzüge des unberingten Lenbens an- mit dem die Ablehnung von Beziehung und Familie
nicht unbedingt gleichzusetzen ist, aber gerne Hand in Hand geht:“ Wenn Fraua sich
fraget Wer bin ich? Was will ich? Na hend se meischdens scho vier Kender.“
Der Neigung von Frauen, sich ihrerseits um die Gunst der Männer zu bemühen, steht
sie kritisch gegenüber. „Tiermanna balzet von sich aus.“ Die Traumexemplare
aus Film und Fernsehen sind auch nicht ihr Ding: An den Leinwandhelden ihrer Jugend
lässt sie kein gutes Haar. Selbst die innigste Phantasie-Romanze mit dem edlen
Häuptlingssohn Winnetou geht unter ihren schlagkräftigen Argumenten in die
Brüche. Old Shatter-hand alias Lex Barker? Jonny Weissmüller als Tarzan? Beide
kriegen ihr Fett ab. Schließlich trage jeder Mann den Tarzanschrei in sich, stellt
Dietlinde Ellssässer fest. Entsprechende Aufforderungen, einer der männlichen
Zuschauer solle dies doch demonstrieren, verhallen jedoch ungehört.
An ehesten, resümiert Dietlinde Ellssässer, käme für sie Sean Connery,
der erste James Bond, in Frage. Denn: der rette die ganze Welt undf gehe dann heim zum
Kuscheln. „lass amol an Schwob abends vom Schaffa komma!“, teilt sie einen
kecken Seitenhieb auf die hiesige Männerwelt aus.
Was Sie nicht daran hindert, sich drei Vertreter derselben aus dem Publikum für den
Höhepunkt des Programms auf die Bühne zu holen: in Lautlingen endet die
Kurzversion der Flirtshow „Herzblatt“ mit einem Kniefall des Gewinners.
Ellsässer beeindruckt das nicht: „Au wenn di als Ledige no oiner freie dät,
ob di des freie dät?“ gibt sie den Frauen mit auf den Heimweg.
„Futschikato“
Tina Häussermann im Kräuterkasten am 10. 2. 2017
Wie man mit ärgerlichen Alltagssituationen fertig wird, das erklärte am
Freitag Tina Häussermann den Gästen im Kräuterkasten.
Es gibt so vieles, worüber man wütend werden kann. Tina
Häussermann empfiehlt, diese Wut heraus zu lassen, je nach Schwere des Falles. Sie
übt mit dem Publikum das ein, vom einfachen „ooh“ bis hin zum Anschreien
des Wutverursachers, und bald beherrschen alle dieses 4-Stufen- Wutprogramm so gut, dass
sich unter ihrem Dirigat ein Wutchor formiert.
Grund für Wutausbrüche liefern das eigene Heim, die Familie, das
Fernsehen, Fußgängerzonen in Großstädten, alt-und neumodische
Vorlieben der Gesellschaft. Da sind Gäste, die unbedingt helfen wollen und doch
bloß nerven, quengelnde Kinder, wegen denen man nochmals zum Supermarkt muss,
Porschebesitzer, die sich über einen kleinen Kratzer am Auto aufregen, Comedians, die
mit höchst primitiven Mitteln Erfolge erzielen, Funktionskleidung für Sport und
Bergtouren, die nicht funktioniert, sondern stinkt, Übermütter, die auf dem
Spielplatz ihre Weisheiten von sich geben. Aber auch früher war nicht alles besser,
lässt sich nicht auf heute übertragen. Märchen passen nicht mehr. Hänsel
und Gretel hätten heute ein Handy, würden sich nicht mehr im Wald verirren,
Rotkäppchens Großmutter würde im Pflegeheim leben, Wölfe würden
sich vegan ernähren, Prinzessinnen, die nichts können außer hübsch
sein, würde man zu Heidi Klum schicken. Oder diese salbungsvolle Sinnsprüche!
„Lebe deinen Traum“, würde das jeder befolgen, gäbe es keine
Müllmänner mehr.
Ihre Betrachtungen unterstreicht Tina Häussermann meisterhaft mit
Gesang, Klavier, Panflöte und Ukulele. Renate Herbrechtinger, die sich der
fernöstlichen Kampfkunst verschrieben hat gegen Kinder und Mann und Nachbars Sohn Udo
samt Judo, benützt die Ukulele wie ein Samuraischwert. Die Panflöte gibt vor den
Kaufhäusern ihr Leiern auf und versucht sich ungeschickt tutend an Liedern wie
„Tulpen aus Amsterdam“. Das Klavier beteiligt sich am Streit der Ehepartner.
Hart und penetrant klingt die Männerstimme im Bass, schrill und wuselig darüber
die Frau in den hohen Tönen. Kurz treffen sich dann beide sanglich und friedlich in der
Mitte, es beginnt aber nochmals zu brodeln, schließlich findet der Streit ein
harmonisches Ende. Unbeschwert lustig klingt die Idee, den eigenen Mann als Postpaket zu
verschicken, bei „My sanifair lady“ wird Tina Häussermann zum Musicalstar.
Als Operndiva erweist erweist sie sich schließlich, wenn Carmen über bunten
Liebesflügeln ihren Text zeitgerecht anpasst.
Das Publikum solle gefälligst ihr einen schönen Abend bereiten,
fordert Tina Häussermann am Anfang und konstatiert am Schluss „Mir hat's
gefallen“. Nun, mit Gelächter und Beifall zeigt das begeisterte Publikum, dass
Tina Häussermann auch ihm einen wunderschönen Abend bereitet hat. Uns allen hat's
auch ganz prima gefallen.
Ute Büttner
„Tach Herr Knabenschuh. Wie war's?“
Uwe Kleibrink im Kräuterkasten
Wie komisch und abstrus der Alltag sein kann, das zeigte am Samstag Uwe Kleibrink im
Kräuterkasten.
Dabei geht es ihm nicht um schrille, billige Effekte, wie sie heute oft im Fernsehen
vorgeführt werden, wenn etwa die fünfundzwanzig lustigsten
Karnickelschlächter im Wettbewerb antreten. Wenn es aber um die Platzierung der
nervigsten Bahnkunden geht, fällt er schon sein Urteil. Vor der vernünftigen
Ökomutter und der schwerhörigen Rentnergruppe setzt er den Businessman an die
erste Stelle. Wie der dasitzt, im Anzug, mit Laptop, wie er telefoniert, erfüllt er
sämtliche Klischees. Dann allerdings entpuppt sich der Gesprächspartner als
Prostituierte, und es ist erstaunlich, wie auf deren schlüpfrige Anfragen und Angebote
die so geschäftsmäßigen Antworten passen, bis hin zum „Ich komme
pünktlich“.
Szenen aus dem Alltag. Doch so komisch, ja grotesk sie sein mögen, Uwe Kleibrink
erläutert sie in höchst gepflegtem Deutsch, mit langen, wohl konstruierten
Sätzen, mit gehobener Wortwahl, nach wissenschaftlichen oder modischen Erkenntnissen.
Der Reiz entsteht dadurch, wie er sich ändert, wenn er in diverse Rollen schlüpft,
mit Vorliebe in die von Frauen. Denn sein Lieblingsthema ist einfach der Unterschied
zwischen Mann und Frau. So stellt er sich vor, nicht Cäsar sei ermordet worden sondern
eine Frau, was die berühmten fünf Worte „Auch du, mein Sohn Brutus“
durch einen Redeschwall ersetzt hätte. Verschiedene Anwendung von Sprache und Logik
macht auch heute im privaten Leben eine Verständigung schwierig. Wie soll Mann nach den
Anweisungen seiner Frau das Glas Essiggurken finden, wenn seiner Meinung nach ein solches
noch ungeöffnetes Glas nicht logischerweise im Kühlschrank stehen muss. Frauen
sind auch emotional anders gestrickt, wie sich bei Konzertbesuchen zeigt, wenn sie
völlig hingerissen alten abgehalfterten Schlagern lauschen. Zu Musik hat Uwe Kleibrink
sowieso eine eigene Meinung. Während es vom Band „Memory“ schmachtet,
sinniert er über das Wesen der Katze an sich, wie sich die Katze in bestimmten
Situationen so anders verhält als der Hund.
Alltagssituationen im privaten und gesellschaftlichen Bereich, Uwe Kleibrink enttarnt sie
mit Vergnügen, lässt sich viel Zeit zum Darstellen. Den Ablauf des so heilig
gehaltenen Muttertags zeigt er als Drama, bei dem alle genervt sind, Martinsumzüge als
akustische und kulinarische Bedrohung. Er macht sich lustig über Facebook, musikalische
Früherziehung und esoterische Geburtsvorbereitungen, setzt verzweifelt seinen gesunden
Menschenverstand dagegen.
„Wie war's Herr Knabenschuh?“ Nun, für das Publikum war es ein
vergnüglicher Abend. Das Lachen zwischendurch und der Applaus am Schluss zeigen, wie
oft sich die Gäste erkannt und ertappt fühlten.
Ute Büttner
Lyrik und Musik
Susanne Stierle und Wolfgang Raichle im Kräuterkasten am 13. 1. 2017
Einen Konzertabend der besonderen Art boten am Freitag Susanne Stierle, Mezzosopran, und
Wolfgang Raichle, Klavier und Sprechstimme, den Gästen im Kräuterkasten.
Es wird eine Reise durch sechzig Jahre musikalisches und lyrisches Schaffen von Wolfgang
Raichle. Er schildert seinen Werdegang vom Teenager bis zum gelernten Musiker und
Germanisten. Er erzählt,welche Komponisten ihn beeinflusst haben, welche Dichter ihn
besonders angesprochen haben, warum er welches Gedicht vertont hat, blickt selbstironisch
und lächelnd zurück auf erste eigene Versuche, verfolgt die eigene Entwicklung.
Gleichzeitig liefert er eine Fülle von Informationen, über atonale Musik,
über Dadaismus, zeigt, wie er „ jeder ist allein“ in Musik ausdrückt,
wie er einen Stein musikalisch beschreibt, wie er bei „etruskischer Vase“ die
Betonung auf etruskisch legt. Zu jedem Stück, das aufgeführt wird, gibt er zuerst
eine Erklärung ab, so dass man anschließend ganz bewusst lauschen kann und
versteht.
Denn es ist keine leicht Kost, kein Dahinplätschern von Tönen und Worten. Doch in
seiner ehemaligen Schülerin Susanne Stierle hat Wolfgang Raichle eine kongeniale
Partnerin gefunden. Herb klingt ihr Mittelhochdeutsch bei Walther von der Vogelweides
„Frühlingssehnsucht“ zu lebhafter, fast harter Klavierbegleitung, lieblich
und einfach dann der „Gruß“ von Heine. Die „Wolken“ von Hesse
scheinen beide von unten liegend zu betrachten, wie sie ruhig dahinziehen und sich dann
verändern. Tief und dunkel beginnt „Ich hört ein Sichelin rauschen“,
die Melodie steigt auf, über unruhiger Begleitung tönt die Stimme im Legato, ehe
sie in einem Aufschrei endet. Wie gut beide aufeinander hören und abgestimmt sind,
zeigt sich beim „Marienlied“ von Novalis. Wolfgang Raichle hat daraus ein Trio
gemacht für eine Singstimme und zwei Hände am Klavier, und es ist erstaunlich, wie
jede Stimme ihr Eigenleben führt und alles doch zusammen passt. Aber bei allem Ernst,
Spaß muss bei Wolfgang Raichle auch sein. Man hört fast, wie die Musik mit den
Augen zwinkert, wenn Morgensterns Rehlein beten. Während Susanne Stierle
beschwörend das Henkersmädel anfleht, klopft Beethoven schicksalshaft an die
Pforten. Ratsherren klagen wie beim lieben Augustin, Schwein grunzen auf den Tasten.
„Fisches Nachtgesang“ bereitet besonderes Vergnügen. Es müssen
Forellen sein, die da zu Bachs Präludium das Ave Maria singen. Und sie singen
natürlich tonlos. Doch an der Mundbewegung von Susanne Stierle, ihren Blicken, ihrer
Gestik kann man den Text fast ablesen. Und sie passt so gut auf, dass sie nicht vergisst, an
der richtigen Stelle ihr Notenblatt umzuwenden. Ein Höhepunkt wird als Abschluss die
„Selbstverwaltungsarie“, wörtlich aus der Verfassung des Landes Baden-
Württemberg. Es ist eine wunderbare Parodie, mit allem, was in eine Opernarie
gehört, Kolloraturen, endlose Textwiederholungen, fast lyrische Einlagen, Dramatik,
Susanne Stierle wäre eine wahre Opernsängerin.
Mit eigenen Stücken für Klavier Solo zeigt Wolfgang Raichle seine Liebe zur
Moderne, die doch hergebrachte Formen einbezieht, etwa die Fuge in seiner Elegie. Eigene
Gedichte, die er vorträgt belegen seinen entlarvenden Blick auf menschliche
Schwächen, seine Gabe für Wortspiele, wenn er einen Fuß seinen Vers suchen
lässt.
Wirklich ein besonderer Abend, der Erkenntnis, Ernst und Witz vermischt. Das Publikum
lässt die Künstler erst nach viel Applaus und einer Zugabe gehen.
Ute Büttner
„Außergewöhnliche Belastungen“
Stefan Waghubinger im Kräuterkasten
Stefan Waghubinger lieferte am Freitag im Kräuterkasten zwar keine Tipps zum
Ausfüllung der Steuererklärung, dafür aber bemerkenswerte Einsichten in das
Leben.
Es ist schon eine Belastung, dieses Formular zur Steuererklärung.
Stefan Waghubinger arbeitet schon einen Monat daran, hat aber noch nicht einmal angefangen.
Warum, wird schnell klar. Wie soll er arbeiten, wenn nicht einmal sein Wasserkocher für
den gewünschten Kaffee funktioniert. Da muss er sich doch Gedanken machen über
Strom an sich, über heißes Badewasser früher und heute, über
Verurteilte, die sich vor dem Gang zum Elektrischen Stuhl anstelle einer Henkersmahlzeit
lieber ein Steuerformular wünschen sollten, damit sie dem Ausfüllen dieses Papiers
erleichtert das Sterben vorziehen können. Es sind diese Gedankensprünge, die aber
so logisch wirken, die das Programm so besonders machen. Bei jedem Stichwort hält er
inne, überlegt. Bei „Geburtsdatum“ denkt er an früher, an die
gestrickte Jacke, die ihn wie Biene Maja aussehen ließ, obwohl er doch Captain Kirk
vom Raumschiff Enterprise gleichen wollte, an den Nebensitzer in der Schule, von dem er
abschreiben konnte, an Haltbarkeitsdauer von Menschen und Geräten.
Doch bei aller Komik spart er nicht mit Kritik, die spöttisch, ganz
harmlos und beiläufig oder mit Wortspielen daher kommt. Die Bildzeitung wurde zum
Brandbeschleuniger, als sie dem Aufheizen des alten Badeofens diente, die Joggerin steht
nach dem Lauf auf der Waage und „wiegt sich in falschen Hoffnungen“. Die
geliebte Oma darf nicht aus ihrem reichen Erfahrungsbericht erzählen, dafür
schreiben heute schon 20Jährige ihre Biografie. Spielzeug heute ist nicht wertvoller
als das, mit dem Kinder früher auf dem Schrottplatz spielten. Ein blonde Barbiepuppe
darf auf keinen Fall einen schwarz gewordenen Ken als Kofferträger benützen.
Sklavenhaltung ist nicht schlimm, man gibt ihnen genug zum Essen, denn „sein Eigentum
lässt man nicht verkommen“.
Immer wieder kreisen seine Gedanken um das eigene Ich und existenzielle
Fragen: Ist seine Partnerin verschwunden, weil er nicht romantisch ist, was ist Freiheit,
wer bin ich, was ist Wertvolles in mir, was in meinem Rollkoffer, wie kann ich mich selbst
finden. Aber auch ein Telefongespräch mit dem lieben Gott liefert keine befriedigende
Antwort.
Ein Wasserfall von Ideen, doch die Zuhörer werden nicht erschlagen,
denn Stefan Waghubinger nimmt sich Zeit zum Ausmalen, nimmt immer wieder Bezug auf etwas,
was er gesagt hat. So erinnert er Gott an den kleinen Jungen, der wie Biene Maja in der
Kirche saß, zitiert die geliebte Oma, erinnert sich daran, dass er Raumfahrer werden
wollte.
„Mein Kopf ist voll, aber nichts Brauchbares dabei“, beklagt er
sich. Dem stimmen die Gäste im voll besetzten Kräuterkasten gar nicht zu. Ihre
Reaktionen auf seine Ausführungen, ihr Applaus am Schluss zeigen, dass Stefan
Waghubinger nur Brauchbares in seinem Kopf hat.
Ute Büttner
„Justiz auf Rädern“
Anette Heiter im Kräuterkasten am 25. 11. 2016
Gerichte zum Mitnehmen bot die gelernte Richterin Anette Heiter am Freitag den
Gästen im Kräuterkasten an.
Justiz und Gastronomie kann man tatsächlich vergleichen, kann sie
klassifizieren. Es herrscht eine Rangliste, bei der nach Bundesgerichtshof,
Oberlandesgericht und Landesgericht das Amtsgericht nur noch den Status der Bratwurstbude
der Justiz einnimmt. Doch hier spielt sich das Leben ab. Aufrecht steht sie da, die
Richterin, mit erhobenem Haupt, erklärt, belehrt, fragt nach, ertappt, eine
Autorität und dennoch menschlich. Schließlich geht jeden die Juristerei an, hat
jeder Schuld auf sich geladen, durch Abschreiben in der Schule, durch einen klitzekleinen
Joint, durch Alkoholfahrten, durch Steuerbetrügereien. Aber sie klagt nicht nur an,
augenzwinkernd rät sie, man solle sich ab und zu eine kleine Ordnungswidrigkeit
leisten. Warum studiert man Jura? Nun, sie selbst wollte einfach nicht als Lehrerin
quengelnde, streitende kleine Kinder erziehen. Leider hat sie aber festgestellt, dass sich
alle Menschen vor Gericht wie kleine Kinder verhalten. Und Streit entsteht vor allem in
Paarbeziehungen, darauf richtet sie ihr Augenmerk. Was das für Folgen haben kann, wenn
es um Scheidung geht, führt sie aus. Sie erklärt solch verwirrende Begriffe wie
Zugewinnausgleich, der sich eben nicht auf den Zugewinn an Bauchumfang bezieht oder
Hausratsauseinandersetzung, der nicht wörtlich genommen werden darf. Unermüdlich
führt sie aus, warum abstrus klingende Urteile aus dem wirklichen Leben zurecht
gefällt wurden, wann der Begriff „Mädchen“ eine Beleidigung darstellt,
wirbt um Verständnis, beantwortet telefonisch geduldig die Fragen von verwirrten
Normalbürgern. Sie hat auch makabre Lösungen parat, wenn man eine Scheidung
vermeiden will, etwa „Peter gibt es heut zum Essen“. Und fast beiläufig
schiebt sie in das Vergnügen treffende Kritik ein, über den Umgang mit
Bootsflüchtlingen, das Gehabe von Justizministern, die Entscheidungen von Richtern, die
„einsperren, Führerscheine einziehen, Politiker laufen lassen“.
Besonders eindringlich werden die Belehrungen, weil Anette Heiter sie immer
wieder musikalisch unterstreicht, mit eigenen Kompositionen oder mit bekannten Melodien,
denen sie eigene Texte unterlegt.Wie sie singt, wie sie präsentiert, man hat die
betreffenden Interpreten vor Augen, wenn sie mit Bassstimme fragt „Kann denn
Lügen Sünde sein“, wenn der Anwalt nicht bloß mit 66 Jahren sondern
sogar noch mit 88 Jahren fit ist, wenn sie sich mit gepressten Lippen empört, mit
naivem Blick und feinem Stimmchen fragt, warum Nacktbacken verboten ist. Besonders
schön der Rückblick auf ein Leben, als einer „seinen Weg“ geht,
wehmütig Erinnerungen an früher besingt und dann doch mit vollen Tönen die
Zukunft ins Auge fasst. Hier agiert eine Richterin, die auch Sängerin und
Schauspielerin ist.
Anette Heiter will an diesem Abend den schlechten Ruf der Justiz
aufmöbeln. Sie weiß auch einen Weg, wie man Aggressionen gegen Rivalen los wird.
„Ich kann dich überhaupt nicht leiden“ singt dazu das Publikum begeistert
mit. Aber Anette Heiter selbst können die Gäste ganz furchtbar gut leiden und nach
diesem Abend haben sicher alle wieder Vertrauen in die Justiz gewonnen, das beweist der
fröhliche Applaus.
Ute Büttner
"Lieder mit feiner, leiser Weltkritik"
Harald Immig und Ute Wolf im Kräuterkasten am 11.11.2016
Eine Auswahl aus früheren und neuen eigenen Liedern sangen und
spielten am Freitag Harald Immig und Ute Wolf im Kräuterkasten.
Es ist seine bekannte Mischung: Schwätzen, Reden, Singen auf
Schwäbisch, Singen auf Hochdeutsch. Harald Immig sucht den direkten Kontakt,
schwätzt mit den Leuten, verbündet sich mit ihnen oder teilt freundlich kleine
Seitenhiebe aus. Dann spottet er singend mit, wenn es der Inhalt erfordert, durchaus derben
Melodien über seine Mitschwaben, ihre Städte, Dörfer, Landschaften, ihre
Eigenschaften. Wie sie rabiat werden, wenn ihnen der Freund der Tochter, der Kaminfeger, der
Schiedsrichter auf die Nerven gehen wie lästige Stechmücken, wie sie sich im
schönen Wohnsitz auf Jamaika jammernd nach dem Häusle in der Heimat sehnen. Wie
sie Trost finden bei Mutters Dampfnudeln oder beim Most, der sogar Kindern wohl bekommt.
Wenn es dann nicht nur um die Schwaben geht, wechselt er ins Hochdeutsch, schaut auf zu den
Sternen, hat dennoch auch einen Blick für Schönheit bei kleinen Dingen wie einer
Herbstzeitlosen. Er beobachtet, wie Menschen sich verbiegen lassen ohne es zu merken, wirbt
für aufrechten Gang, erkennt eigene Schwächen. Das gelingt ihm recht gut, als er
die Geschichte vom Obdachlosen erzählt, den er für eine Stunde bei sich aufnimmt,
dessen Erzählung vom harten Leben er lauscht, den er aber trotzdem danach,
natürlich völlig zu Unrecht, verdächtigt, in der Garderobe seinen Schal
gestohlen zu haben. Eine Erfahrung, bei der man sich durchaus ertappt fühlt.
Ute Wolf ist schon seit einigen Jahren seine Partnerin, sie bilden ein
gutes Gespann. Sie begleitet ihn, je nach Charakter des Lieds mit Gitarre oder dumpfen
Trommelschlägen. Sie singt unisono mit ihm, wobei sich ihre klare, helle Stimme gut
abhebt, oder sie stimmt beim Refrain mit ein, um dessen Bedeutung zu unterstreichen. Wie
schön sie singen kann, zeigt sie mit zwei eigenen Liedern, in denen sie Betrachtungen
über die Rolle von Mann und Frau und über erfüllte und nicht erfüllte
Wünsche anstellt.
Volkslieder gehörten schon immer in ihr Repertoire. Einfach und
ungekünstelt ertönt „Rosemarie“ und am Ende singen die Gäste mit
bei „Kein schöner Land“. Das ist aber noch nicht der Schluss, denn das
Publikum erklatscht sich noch zwei Zugaben.
Ute Büttner
Mademoiselle Mirabelle
Musikkabarett mit Birgite Gebhardt im Kräuterkasten
Am Freitag nahm Birgite Gebhardt als Mademoiselle Mirabelle mit Wort und
Musik typische deutsche und französische Eigenschaften unter die Lupe.
Sie schaut wirklich ganz genau hin. Doch zunächst wirbelt sie auf
die Bühne, eine aparte Erscheinung in Schwarz und Türkis, präsentiert mit
Zauberhand eine Taschentuchtrikolore, einen Minieiffelturm, lässt einen Schwall
Konfetti aus einem Riesenbaguette hervorschießen. Aber dann wird sie streng,
schließlich soll das Publikum etwas lernen, soll verstehen, was französische
Lebensfreude ist. Sie doziert auf Deutsch mit französischem Akzent. Sie fragt Vokabeln
ab. „Lernen, hören, aufpassen“ heißt die Devise. So hat sie selbst
einst Deutsch gelernt, was sie mit „Fischers Fritz“ beweist. Es wird ein
unterhaltsamer Unterricht, auf ausführliche Belehrungen folgt ein Lied zum Entspannen.
Französische Lebensfreude heißt, stets sind die anderen schuld, eigene Fehler
vertuscht man, indem man ablenkt, französische Politiker praktizieren das erfolgreich.
Sie zeigt sich im Begrüßungskuss, „Die Franzosen sagen nicht bon soir, sie
machen einen bon soir“. Französische Lebensfreude steigert l'amour zu l'amour
fou. Franzosen wählen den passenden Trinkspruch und zählen die Namen bekannter
Weine singend auf. Selbst französische Landschaften sprühen vor Lebensfreude. So
vergleicht sie stilgerecht mit Akkordeon die bezaubernde Côte d'Azur mit dem herben
Süddeutschland. Herb und düster sind dort auch die Menschen, das zeigt sich schon
an ihren schwierigen Namen. Und wie sie die Welt sehen! Was Franzosen nur als malheur sehen,
wird bei den Deutschen zur catastrophe, etwa die verkorkste Mülltrennung. Dabei besteht
die grande catastrophe darin, wie und wo sie ein Baguette essen, nämlich beim
Italiener.
Aber heute Abend sollen die Menschen im Kräuterkasten alles
über Lebensfreude lernen. Mademoiselle Mirabelle hat alles im Griff. Sie fragt ab, sie
lobt und tadelt, sie erwartet richtige Antworten, bohrt nach. Sie lässt den schwierigen
Refrain „du, du, du“ zu ihrem Liebeslied wiederholt üben, bis sie zufrieden
ist. Sie verteilt Aufgaben, achtet auf korrekte Ausführung. Sie hat auch die
Schüler in den hinteren Reihen im Auge. Und sie hat Erfolg. Mit sicherem Blick
wählt sie zwei Männer aus, die tatsächlich freudig auf der Bühne mit ihr
tanzen und am Ende singt die Klasse fehlerfrei im Kanon „Frère Jacques“.
Wie gut alle gelernt haben, hört man an dem ständigen
fröhlichen Lachen während des Unterrichts und sieht man an den fröhlichen
Mienen, als die Gäste den Kräuterkasten verlassen.
Ute Büttner
„Gnadenlos weltlich““
Der Chor der Mönche im Kräuterkasten
Wieder war der Chor der Mönche mit Wolfgang Vogt, Michael
Niethammer, Volker Siegle und Herbert Carl zu Gast im Kräuterkasten, wegen der starken
Nachfrage am Freitag und zusätzlich am Samstag. Es beginnt mit dem bekannten und
beliebten Ritual: Vier Mönche mit Kutten und Kerzen schreiten in den Raum.
„Audite cantum nostrum“ fordern sie salbungsvoll „auf
Gregorianisch“. Doch weil die Männer so schön sind und in der Blüte des
Lebens stehen, wollen sie das Zölibat ablegen und nicht länger der Liebe entsagen.
Einer nach dem anderen wirft seine Kutte ab. Der letzte versucht noch, mit kläglichem
„Lasst uns froh und munter sein“ gegen den feurigen Ungarischen Tanz anzusingen,
vergeblich, also tauscht auch er die Kutte gegen Frack und Zylinder.
Ein Mönchschor ohne Zölibat und sogleich finden die Männer
im Publikum einen Liebling, innig grüßt ihr Herz. Doch weil sie jetzt echte
Männer sind, versuchen sie sich gegenseitig zu übertreffen, schubsen den anderen
weg, geraten gar auf Abwege in Richtung einer zweiten Frau, ehe sie sich schmachtend wieder
der ersten Auserkorenen zuwenden. Das ist eine der Stärken des Quartetts, sie spielen
das, was sie singen. Das kann mit großen Gesten sein, wenn der kräftige Rulaman
sein Ula mit Knochenspeer und schwäbischem Gebrüll gegen die Rivalen verteidigt
oder drei quasi backstage schwärmerisch das Liebesgesäusel des Freundes begleiten.
Es ist ebenso wirkungsvoll, wenn sie nur mit steifer Körperhaltung und hochgezogener
Augenbraue darauf reagieren, wie einer die weiblichen Kurven seiner Tuba besingt. Sie
bearbeiten ungerührt ihr Smartphones, so lange einer seine Einsamkeit beklagt,
vergessen als „running gag“, dass sie eigentlich gerade als Nordwind blasen
sollten, werden samt Tuba zur Lokomotive, während den Fahrgast das Fieber
schüttelt.
Triebwagen erhält eine erotische Bedeutung. Sie spielen
vergnügt mit der Sprache. Das geschieht deftig, wenn Chinesen den Jodler erfinden. Sie
verwirren den Zugreisenden mit einem Feuerwerk von -ingen, -stetten, -hausen, dass der
lieber zu Fuß geht. Sie lassen sich viel Zeit bei diesem Spiel. So erzählt einer
stundenlang von schwäbischen Verwandtschaftsverhältnissen, bis sich das neue
Bäsle über die neue Kusine in die nouvelle cuisine verwandelt, was der Anlass
dafür ist, ein ganz neues Kochrezept auszuprobieren, das sich am Ende als Linsengericht
entpuppt.
Es ist ein Chor, bei dem jeder einmal als Solist fungiert, den die
anderen begleiten, kommentieren. Die Bandbreite reicht von Gregorianik über Klassik bis
zu Schlagermelodien, mal flott, mal rührselig. Ein Höhepunkt wird das Trinklied
auf den Most: Der Text, der forsche Gesang, scharfes „sch“ und harter
Endkonsonant, engagierter Blick, aufrechte Körperhaltung – hier wird die
Tradition des guten alten Männergesangsvereins zum Leben erweckt.
„Nur mit dem Herzen singt man gut“, diesen Refrain darf das
Publikum singen. Wenn dieser Satz stimmt, dann hat der Chor der Mönche an diesem Abend
aus vollem Herzen gesungen und gespielt, das Publikum im zweimal bis auf den letzten Platz
besetzen Kräuterkasten ist begeistert.
Ute Büttner
„Mutanfälle“
Irmgard Kolbe, Willy Renner und Matthias Schuler im Kräuterkasten
(3. 6. 2016)
Mit Musik und Gesprächen konfrontierten Irmgard Kolbe, Willy Renner
und Matthias Schuler am Freitag das Publikum im Kräuterkasten mit Situationen, die Mut
erfordern.
Mutig ist Irmgard Kolbe schon, stammt sie doch aus Bayern und hat es
gewagt, sich im Schwabenland anzusiedeln und hat sich zudem für ihr Programm als
Begleiter an Bass und Cajon zwei Männer aus dem Schwarzwald ausgesucht. Aber sie ist
gut integriert, wurde aus einem schwarzen Entlein zu „a nette Schawaan“. Aber
ganz kann sie ihre Herkunft nicht verleugnen. Jodelnd beschwingt singt sie vom schönen
Nichtstun, doch unvermittelt erwacht in ihr das Arbeitstier und die Melodie wird einfach und
zielstrebig. Mutig kämpft sie gegen persönliche, gesellschaftliche, politische
Probleme, nützt als Waffen ihre große Stimme samt Gitarre und Ukulele,
musikalische Zitate, eigene Lieder und Wortspielereien. Hilfe bekommt man nicht von
außen. Wenn sie dem Seelendoktor klagt, dass sie nach einer Autopanne daheim ihren
untreuen Partner ertappt hat, gibt der Ratschläge zur Reparatur des Autos, nicht der
Beziehung. Ein Ingenieur ist auch kein guter Partner, der denkt nicht mit Gefühl
sondern rechnet mit der nötigen Anzahl von Streicheleinheiten pro Tag. Dem Alter kann
man nicht entkommen, selbst ein Hund, mit dem man gemeinsam Yogaübungen macht, hilft
nicht wirklich. Döner darf man nicht mehr essenn, nur noch „Bömer“,
die Kanzlerin weiß auch keinen Ausweg. Sogar dem guten bayrischen Volkslied droht
Ungemach, wird es doch von fremden Völkergruppen vereinnahmt, wandelt sich in Bolero,
Blues, asiatischen Singsang oder gar in ein Marschlied des schwäbischen Albvereins.
Für das Trio ist das aber die Gelegenheit zu zeigen, wie gut sie musikalisch sind. Das
zeigt sich auch schön, als sie sich dem Thema Märchen zuwenden, weil die doch
immer gut ausgehen. Von wegen, schon die Eingangstakte, zwar nicht auf der Zither sondern im
Bass drohen Unheil an. So irren Hänsel und Gretel zwar nicht durch Kanäle aber
durch einen virtuellen Wald, in dem gängige Modemarken und sogenannte Prominente
herumgeistern und gar als Hexe fungieren. Doch Irmgard Kolbe hat ja die Musik und wenn sie
die Macht der eigenen Lieder besingt, fühlt man sich an Reinhard Mey erinnert.
Willy Renner und Matthias Schuler sind nicht bloß die
„anonymen Begleitmusiker“, Sie gehören dazu, erzeugen mit Rhythmus und
Klang die richtige Atmosphäre. Und als sie der Dame gar den Ton, sprich die Stimme
abschalten, kann Irmgard Kolbe voll ihre pantomimischen Fähigkeiten ausspielen. Es war
ein vergnüglicher Abend und die Gäste erklatschen sich eine Zugabe, ehe sie sich
mutig auf den Heimweg begeben.
Ute Büttner
„Kopfkino“
Martin Zingsheim im Kräuterkasten (6. 5.)
Verbal und musikalisch vermittelte Martin Zingsheim am Freitag im
Kräuterkasten, was sich so alles in seinem Kopf abspielt.
Es ist ein Film mit abruptem Szenenwechsel, dann wieder mit lang
ausgespielten Passagen, ein Film, der zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her
springt, ein Film, der alltägliche Schwierigkeiten mit sozialen, politischen und
religiösen Problemen vergleicht, der berichtet und kommentiert. Diesen Film setzt
Martin Zingsheim gekonnt in Sprache und Musik um. Freundlich lächelnd steht er da,
blickt sinnend ins Weite und die Worte sprudeln aus ihm heraus. Sprache liegt ihm am Herzen,
ist sie doch bedroht, muss beschützt werden, so „entfleuchen“ ihm die
kostbaren Ausdrücke früherer Jahrzehnte, die heute leider out sind. Sprache zeigt
banale Schwierigkeiten bei der Kindererziehung, wenn man hilflos versucht, eine einfache
Kinderfrage zu beantworten. Sie wird doppeldeutig bei dem Wunsch, mit Blick auf die stets
präsenten Besserwisser, „Wir wären gerne allein erziehend“. Sie kann
aus der Frage, wie man Kinder erzieht aber auch eine wissenschaftliche Abhandlung machen,
dazu wechselt Martin Zingsheim unvermittelt von der Alltagssprache zur Gelehrtensprache.
Sprache kann auch zum Albtraum werden, wenn Klaus Kinski mit harter, kalter Stimme den
Kindern zum Einschlafen als Zubettgeschichte aus dem Parteiprogramm der Grünen vorliest
oder dem Gläubigen beim Gebet antwortet. Sprache wird tierisch anschaulich, wenn er
nicht im Schneckentempo berichtet, wie die Maus doch keinen Faden abbeißt. Sprache
sorgt für neue Blickwinkel. Herrlich komisch demonstriert Martin Zingsheim das, wenn er
arbeitslose Akademiker als Reporter ein Fußballspiel kommentieren lässt, dass man
sich vorkommt wie im Museum oder gar wie in einer Kirche, weil die Schlachtgesänge der
Fans vom Geistlichen in Liturgie umgewandelt werden.
Martin Zingsheim setzt seine Worte aber nicht nur ein, um die Gäste
zum Lachen zu bringen, er teilt auch Hiebe aus, allerdings nicht mit dem Holzhammer. Sie
kommen elegant, in Nebensätzen, werden nachgeschoben. So mokiert er sich über
Ernährungs-und Umwelttrends, wenn Erdbeeren zwar im Winter eingeflogen werden,
dafür aber garantiert Bio sind. Er entlarvt Geschwätz am Stammtisch und in
Talkshows. Er warnt davor, dass man mit Sprache seine eigene Meinung festnagelt und
empfiehlt deshalb, bei Demonstrationen für die aufgesprühten Parolen kein Spray
sondern lieber Kreide zu verwenden. Er macht sich lustig über „tierische“
Panzergeschwader und hinterfragt dann beiläufig den Sinn dieser Geschütze.
War früher alles besser oder sind wir heute geprägt von Fehlern
aus der Zeit, als wir Kinder waren? Mit einem musikalischen Rückblick auf die 90er
Jahre deckt Martin Zingsheim genüsslich die sprachlichen Plattheiten dieser Zeit auf.
„Soll es heute Kabarett oder etwas mit Humor sein“, fragt
Martin Zingsheim zu Beginn unschuldig. Nun, er hat eine virtuose Verbindung geboten, das
Publikum im dicht besetzten Kräuterkasten antwortet mit Lachsalven zwischendurch und
langem Applaus am Schluss.
Ute Büttner
„Getrennt“
Das Theater unter der Laterne im Kräuterkasten (15. 4. )
Am Freitag spielten Gabriele Gatzweiler und Christoph Holbein im
Kräuterkasten „Getrennt“ von Tom Kempinski
Ein Mann räkelt sich auf einem alten Sessel, schaut fern, eine Frau
sitzt auf der Bettkante, daneben steht ein altmodischer Nachttisch- so nah beieinander auf
der Bühne, aber doch so weit voneinander entfernt, die Frau in New York, der Mann in
London. Nähe und Ferne, dieses Thema zieht sich durch das ganze Stück. Die
körperbehinderte Schauspielerin Sarah Wise wird eine Hauptrolle in einem Stück von
Joe Green spielen, der ist psychisch angeschlagen, schreckt vor Kontakten zurück, hat
eine Schreibblockade. Die Beiden überbrücken die Ferne zunächst per Telefon.
Dann besucht Sarah Wise Joe Green. Doch diese Nähe tut nicht gut, Sarah reist
zurück. Nach Monaten versuchen sie über das Telefon einen neuen Anlauf, um sich
näher zu kommen.
Telefonate, ein kurzer Besuch, also fast keine Handlung. Das verlangt den
Schauspielern einiges ab, aber Gabriele Gatzweiler und Christoph Holbein meistern diese
Schwierigkeit bravourös. Sarah ist die Frau, die stark sein will. Ihr zunächst
verhärmtes Gesicht beginnt zu strahlen, sobald sie den Hörer ergreift. Dann redet
sie entschlossen, eindringlich, versucht, ihre Zuversicht auf den Gesprächspartner zu
übertragen. Sie durchschaut ihn, bringt seine Ausführungen auf den Punkt, lacht
herzhaft. Von ihrer Krankheit spricht sie völlig sachlich, ohne jede Emotion. Joe Green
dagegen spielt zunächst den genialen und jovialen Autor, jammert später über
seine Schreibhemmung, stellt Fragen, obwohl er eigentlich nur an sich selbst interessiert
ist, und dabei verrät ihn stets sein Gesichtsausdruck. Er ist unstet, wechselt zwischen
hektischem Staubsaugen und Lektüre zu Mozartmusik, schreckt auch mal davor zurück,
den Hörer zu ergreifen, und beweist plötzlich mit Blick und Haltung und Tonfall,
dass er sich durch die Partnerin ertappt fühlt. Schließlich sind sie sich einig,
dass sie sich treffen wollen, und diese Verbundenheit zeigen sie,als sie, obwohl in New York
und London, auf der Bühne dicht vor einander stehen. Richtig komisch wird es, als Sarah
zu Besuch kommt. Wie Joe durch die Wohnung wuselt und aufräumt, wie fürsorglich er
Sarah die Treppe herunter geleitet und im Sessel platziert. Und dann sitzt er verlegen neben
ihr, sucht nach Worten. Abhilfe schafft kurz das gemeinsame Arbeiten am neuen Stück,
doch als Sarah zeigt, dass sie noch mehr Nähe will, wird aus dem einfühlsamen
Gastgeber ein Grobian, er jagt Sarah praktisch aus dem Haus, weg von sich. Das Ende? Nein.
Der letzte Telefonanruf geht bezeichnenderweise von Joe aus. Sie wollen es nochmals
miteinander versuchen, sich dabei an feste Regeln halten. Doch Joe hört sich an wie
beim allerersten Gespräch. Ist das also nur der Beginn eines endlosen Kreislaufs?
Das Ende ist also nicht sicher. Gabriele Gatzweiler und Christoph Holbein
haben an diesem Abend „Getrennt“ zum ersten mal aufgeführt. Und ganz sicher
ist, dass sie ein gutes Stück ausgesucht haben, dass sie so gut gespielt haben, dass
die leider nur wenigen Gäste konzentriert und doch auch oft mit einem Lächeln dem
Verlauf folgen konnten. Sie bedanken sich am Schluss mit viel Applaus.
Ute Büttner
„Secondhand Mann“
Carsten Höfer im Kräuterkasten (18. 3. 2016)
„Gebrauchte Männer l(i)eben besser“, behauptete am
Freitag Carsten Höfer im Kräuterkasten und fütterte sein Publikum mit eigenen
Beobachtungen, Erfahrungen und Ratschlägen.
Ein normaler Firsthand-Mann kann durch Scheidung zum staatlich
geprüften Secondhand Mann werden. Dieser Status wird ihm durch die Scheidungsurkunde
bescheinigt. Doch um dieser Ehrung würdig zu werden, bedarf es einer mühsamen
Ausbildung. Solch ein Secondhand Mann ist etwas Besonderes, kann er doch alle die Fehler
vermeiden, die er als Firsthand Mann gemacht hat.
Anhand zweier Themen erläutert Carsten Höfer, was und warum
etwas in einer Beziehung schief gehen kann, Geburtstagsgeschenk und Abendessen im
Restaurant, denn, so weiß er, es sind nicht die großen Schwierigkeiten, die eine
Beziehung scheitern lassen, sondern die kleinen Alltagsprobleme. Grund dafür ist, dass
Männer und Frauen grundsätzlich verschieden sind. Frauen sind emotional,
liebebedürftig, suchen Anteilnahme, wollen überrascht werden. Männer sind
sachlich, analysieren, sind erfolgsorientiert, haben Angst vor Überraschungen. Folglich
bevorzugt der Mann praktische Geschenke, die er im Alltag wirkungsvoll einsetzten kann, von
denen er schon drei Wochen vorher weiß, dass er sie geschenkt bekommt, mit denen er im
Kreis seiner Männerfreunde angeben kann. Frau hingegen verlangt, dass Mann ihre
geheimsten Wünsche erspürt. Carsten Höfer rät deshalb, dass der Mann das
ganze Jahr über jede kleinste Äußerung seiner Frau hinterfragt, ob sich
dahinter ein Wunsch verbirgt, dass er auch darauf achtet, was sie von ihrer besten Freundin
erzählt. Auch im Restaurant zeigen sich Unterschiede. Der Mann will satt werden,
vergleicht Preis und Gebotenes, isst nur, was er kennt, könnte nach zwei Minuten
bestellen. Die Frau liest die Speisekarte gründlich, zaudert, hat Sonderwünsche,
ändert noch beim Bestellen ihre Meinung. Genüsslich deckt Carsten Höfer die
Schwächen von beiden Geschlechtern auf und spottet nebenher auch über das soziale
Umfeld. Etwa wenn er sich darüber lustig macht, dass im Gourmettempel das Steak nicht
mit sondern an Beilagen serviert wird. Mit Sprache kann er sowieso umgehen. So
erläutert er, wie viel Gefahr in der harmlosen Bemerkung steckt „...die machen
nicht dick“.
Wehe, wenn der Mann da die falsche Antwort gibt. Oder er zeigt an dem
Vorschlag der Frau „Wollen wir den Antipastateller teilen?“, wie sehr die Frau
nach Gemeinschaft strebt.
Eindringlich berät Carsten Höfer seine Gäste beiderlei
Geschlechts, im voll besetzten Kräuterkasten, beschreibt schwärmerisch die Frauen,
die Männer wie in einer wissenschaftlichen Abhandlung. Aufmerksam lauscht das Publikum,
lacht, erkennt sich vergnügt wieder und ist so wissbegierig, dass es Carsten Höfer
mit viel Applaus erst nach einer lehrreichen Zugabe entlässt.
Ute Büttner
„Wir können alles...“
Uwe Spinder im Kräuterkasten
Ein abwechslungsreiches Ein-Mann-Kabarett bot Uwe Spinder am
Freitagabend im Kräuterkasten. Kabarett kurz vor Wahlen sei verboten, erzählt Uwe
Spinder, vielleicht,weil das gefährlich sei. Welch ein Glück für das
Publikum, dass sein Zug aus Stuttgart nur 40 Minuten Verspätung hatte, die Vorstellung
also noch stattfinden kann.
Und gefährlich soll er sein, dieser freundliche Herr im besten
Alter, mit Brille und schwungvoller Gestik? Der zudem eine Vorliebe für Heinrich Heine
hat. Doch Vorsicht, schon Heine war ein kritischer Geist. Und auch Uwe Spinder liest und
hört und schaut genau hin, nicht nur im Schwabenland, und er zieht daraus seine
Schlüsse, lakonisch, bissig, unterhaltsam. Dabei haben es Kabarettisten heute schwer,
etwa hier im Ländle ohne Mappus. Wehmütig denkt Uwe Spinder zurück an
frühere Größen wie Franz Josef Strauß. Doch er findet auch heute seine
Zielscheiben, nimmt sie unter die Lupe und auseinander. Winfried Kretschmann wird immer
kabarettabler, je länger er im Amt ist, Horst Seehofer sorgt dafür, dass man heute
sogar die Kanzlerin loben muss. Wahlkandidaten versuchen, ihrem Namen Ehre zu machen,
Parteien suchen verkrampft aber umsonst nach qualifizierten Personen, die sie aufstellen
könnten. Kabarettreife Vorlagen liefern Minister jedweder Couleur auf Bundes -und
Landesebene nach Brüssel, verfrachtete Politiker schließen sich an, in Bayern
rüstet sich gar ein unheimliches Trio zum Putsch. Selbst im Königreich
Fußball ist nichts in Ordnung, denn dort herrscht die „Mafifa“.
Uwe Spinder spielt gerne mit Worten. So kommentiert der das Treiben der
NSA unschuldig mit „auch Vokabeln wurden doch jahrelang abgehört“. Aber
nicht nur Menschen, auch die von ihnen erschaffene Bürokratie sorgt dafür, dass
man lauthals lacht und sich zugleich an den Kopf greift, etwa wenn Uwe Spinder eine
Entscheidung vorliest, die festlegt, dass ein in der Haustür eingeklemmtes Knie schon
auf dem Weg zur Arbeit war und deshalb versichert ist. Nach der Pause werden die Themen
leichter, wenn Uwe Spinder räsoniert über Wissen, Nichtwissen und Wissen, das
keiner braucht und dabei vor allem die Jugend und die sozialen Medien aufs Korn nimmt. Er
kennt sich da aus, ist er doch über Facebook mit seinem eigenen Sohn befreundet.
Kopfschüttelnd fragt er sein nicht ganz junges Publikum „Hätten sie als
Jugendlicher mit ihren Eltern befreundet sein wollen?“ Die älteren liegen ihm am
Herzen, so dienen seine abschließenden Verbesserungs-vorschläge auch ihrem Wohl,
Vorschläge zur Reform von Renten, Gesundheitssystem bis hin zur Grabpflege.
„Wir können alles..,“ Uwe Spinder hat zwar durchaus
Vorlieben für Stuttgart und sein „savoir vivre“ oder für die Frau des
Ministerpräsidenten, aber er kann auch Hochdeutsch und er kann sein Publikum so
unterhalten, dass er es gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken bringt.
Ute Büttner
„Wir machen eine Szene“
Impro-Theater-Abend im Kräuterkasten
Theater der besonderen Art machten Uli Biesel, Christine Funk,
Brigitte Lucas-Kuhl, Florian Marquart und Martin Romer am Freitag im Kräuterkasten.
Von Beruf sind sie eigentlich alle Lehrer. Das merkt man gleich ein wenig
bei der Begrüßung. Da steht einer, der es gewohnt ist, vor voll besetzten
Stühlen und Bänken zu stehen. Der Spielregeln verständlich erklären
kann, hier die für das Improvisieren. Der unermüdlich üben lässt, wie
man richtig bis drei zählt oder Meerersbrisengeräusche produziert, wie viele
Finger man ausstrecken muss, um zu zeigen, dass in der nächsten Szene zwei Personen
spielen sollen.
So gut vorbereitet kommen dann aus dem Publikum die Aufgaben.
„Kugelschreiber aus Russland“ heißt das erste Stichwort. Und dieser
einfache Stift verwandelt sich in eine Zigarette, einen Lippenstift, eine Laserkanone. Ein
Film mit dem Titel „Der Backstein“ hört sich ja langweilig an, doch er
entpuppt sich als spannender Thriller um Diamantenschmuggel. In der Pause schreiben die
Zuschauer Sätze auf Zettel, die dann in die folgende Szene spontan eingebaut werden
müssen, und siehe da, die Schauspieler schaffen es, Sprudelkisten im Keller logisch mit
einer schwangeren Oma zu verbinden.
Die fünf Akteure haben selbst sichtbar Spaß am Spiel,
wählen Rollen, die zu ihrem Typ passen. Da ist die mütterliche, etwas hilflose
Frau, die sich um ihren Mann sorgt neben der, die sich kühl und emanzipiert gibt und
Anweisungen an den Mann erteilt. Der lebhafte Hagere bringt Schwung, entlockt dem
Filmregisseur herrlich hohle Phrasen oder zappelt nach dem Lichtschalter, der freundliche
Mann stellt sich ungeschickt an, wenn er Schnee schippen muss oder bringt als Verkäufer
durch geduldiges Nachfragen die aufgebrachte Kundin darauf, über welches mitgebrachte
Werkzeug sie sich eigentlich beschweren will. Der Kraftmensch schließlich
überzeugt im Urwald genauso wie als pubertierender Jugendlicher.
Doch Improvisation fordert auch Disziplin. Wenn einer klatscht,
überlassen die anderen ihm das Feld, sprich die Bühne. Das Stichwort des
einen nimmt der nächste als roten Faden auf, so kommen der Restauranttester und
die Stewardess zusammen. Die ratlose Schriftstellerin tippt ihren Roman, während die
anderen dessen Inhalt spielen und das Vorgelesene und das Spiel stimmen überein. Besonders schwierig wird es, wenn die Akteure während des Spiels
die Rollen blitzschnell tauschen müssen, auch das schaffen sie, notfalls mit
schlagfertigen Bemerkungen.
Zu Beginn wurde dem Publikum auch beigebracht, wie man richtig
applaudiert. War unnötig, denn die Zuschauer im voll besetzten Kräuterkasten
können das schon. Sie kommentieren mit Lachsalven und klatschen am Schluss begeistert
Beifall.
Ute Büttner
Weit weg von Stubenmusik
Zither - Virtuose Michal Müller mixt Einflüsse von Jazz, Pop und
Klassik
Er ist einer der innovativsten Zitherspieler der Gegenwart:
Michal Müller hat im Kräuterkasten Kostproben seines
Könnens gereicht.
Von Sabine Miller.
Ich spiele überwiegend meine eigenen Stücke, sagt Michal
Müller, Tonschöpfer und Interpret aus Tschechien, der in seinen Werken und
Darbietungen eine enorme Bandbreite verschiedener Genres ausmisst.
Volks- und World-Musik, Pop, Klassik, Jazz, Blues: Alles inspiriert ihn,
fast
jede Partitur verwandelt er in einen neuen Kosmos. Gebrochen schillert
darin zwar die ursprüngliche Komposition, vor allem aber dringen die Ver- und
Umdichtungen seiner eigenen, emotionalen und zugleich ausdruckstarken musikalischen Sprache
durch.
Beim Auftritt im Ebinger Kräuterkasten durchschritt er viele
Jahrhunderte Musikgeschichte und richtete den Fokus dabei auf Folkloremotive: „Der
Schustertanz“, deutsches Volksmusikgut aus dem Barock, mittelalterliche Liedandachten
oder „Die Frühlingserwartung“, ein Thema in Variationen – zusammen
wirkten die Vorträge wie ein Kaleidoskop mit immer wieder neuen Tonbildern zwischen
verspielter Fröhlichkeit und nachdenklicher Ernsthaftigkeit mit mystischem Anstrich.
Farbsatter, voller Klang trat gegen feine, durchsichtige Schwingungen an,
dynamische Wechsel durchkreuzten jedes allzu trügerische Idyll. Nur eines zog sich als
Konstante durch das Programm: Michal Müllers Klangwelten kamen nie auch nur in die
Nähe jener heimeligen Stubenmusik-Atmosphäre, die traditionelle Zitherspieler
für gewöhnlich verbreiten.
Der Lauf seiner Finger mutet kontemplativ an
In den für das Ohr ungewohnten, wandlungsfähigen Gesang der
E-Zither mischte sich hin und wieder seine dunkel gefärbte Stimme. Mit seinem
Instrument ging er um, wie mit einem geliebten Gegenüber – keine Sekunde riss
während des Spieles der Kontakt ab, der Blick haftete selbst beim Singen konzentriert
auf den Saiten, oft hielt er die Augen geschlossen. Der Lauf der Finger auf dem Brett mutete
kontemplativ wie die Bewegungen einer indischen Tempeltänzerin an. Von der sanften
Melodik des mährischen Volksliedes „Es fällt der Morgentau“ konnte
sich der Hörer wegtragen lassen – hier spannten sich Harmonien und Rhythmen
voller Gefühl.
„ich mag traurige und melancholische Lieder“, gestand der im
nordböhmischen Varnsdorf geborene Musiker, der neben Konzerten auch viele Seminare
gibt. Die Zither hat er mit 13 Jahren für sich entdeckt, studiert hat er sein
Saitenspiel in Wien.
Wie virtuos er dieses mittlerweile beherrscht, welch neue Pfade er damit
eingeschlagen hat, dokumentierte er im Kräuterkasten gute anderthalb Stunden lang und
setzte mit Lou Reeds „Perfect Day“ eines der Glanzlichter des Abends
publikumswirksam an den Schluss.
Von Sabine Miller
Heinz Erhardt
Humoristisch-musikalisch-literarische Revue mit Pina Bucci,
Michael Grüber und Christa Stiegenroth im Kräuterkasten
Am Freitag (15. Januar 2016) blickte Pina Bucci, Michael Grüber und Christa
Stiegenroth zurück auf Heinz Erhardt, sein Leben, seine Gedichte, seine Lieder, seine
Musik.
Die Erkennungsmelodie von Dalli Dalli erklingt, zwei Frauen im Pettycoat, ein Mann
mit weißem Hemd und roter Weste – die 60er und 70er Jahre kehren wieder, und
mit ihnen ein freundlicher Herr mit schütterem Haar und Brille, mit eher heller Stimme
und verschmitztem Blick. Ein Herr, der unnachahmlich mit der Sprache umgeht. Der Metaphern
wörtlich nimmt : Wenn der Winter vor der Tür steht, dann sperre ich eben ab und
lasse ihn draußen frieren. Der logisch folgert, dass Buchfinken lesen können, der
in Diktion von Goethes Erlkönig erzählt, welches Pech die Pechmarie wirklich hat,
der Dramatik bricht, wenn eine Frau ein unheimliches Gewitter einfach als Dreckswetter
bezeichnet, der zum großen Vergnügen des Publikums Wortspiele und
Schüttelreime einsetzt, wie etwa den Klassiker mit der Klapperschlange.
Der auch mal nachdenklich wird. Dichten kann er nur im Wald, nicht unter Menschen.
Die drei Künstler tragen aber Heinz Erhardt nicht einfach vor, sie setzen ihn in
Szene. sie verwandeln die traurige Geschichte von der Made in ein Puppenspiel.
Wenn der arme Agamemnon sich ertränken will, verschwindet er langsam hinter der
Bühnenwand. Sie machen aus der Ehetragödie in „g“ ein
Theaterstück. Pina Bucci und Christa Stiegenroth tanzen als Brautpaar wie Marionetten
und die Klavierbegleitung von Michael Grüber klingt dazu wie eine Spieluhr.
Dass Heinz Erhardt auch Musiker war, auch selbst komponierte ist sicher nicht so bekannt,
aber vor allem Michael Grüber zeigt diese Seite genial. Er spielt Erhardts
Wahnsinnswalzer mit aufgerissenen Augen und hektischen Bewegungen tatsächlich wie ein
Wahnsinniger, untermalt die Beschreibung des Waldes richtig romantisch, rockt als rast- und
ratloser Verliebter, singt und spielt sanft als zärtlicher Vater
ein Schlaflied. Alte Fotos zeigen Stationen in Erhardts Leben, dienen sozusagen als
Stichwort für den nächsten Beitrag. Als treuen Wegbegleiter könnte man auch
Ritter Fips bezeichnen. Seine Erfahrungen mit Schule und Frauen. Am Schluss steht Ritter
Fips in seiner Rüstung an der Brüstung wie Schillers Polykrates auf des Daches
Zinnen, Aber die Gäste im voll besetzten Kräuterkasten wenden sich nicht mit
Grausen, sie sind begeistert. Bereitwillig singen sie dann den Refrain mit vom Lord, der im
Ford fortfährt, und so wie der Lord schließlich daheim bleiben will, wollen sie,
dass die Künstler mit ihrem Heinz Erhardt im Kräuterkasten bleiben. Dieser Wunsch
wird mit Zugaben erfüllt.
Ute Büttner
„Trennung war noch nie so lustig“
Rena Schwarz im Kräuterkasten
Am Freitag 8. Mai räsonierte Rena Schwarz im Kräuterkasten über Vor- und
Nachteile, Vorgeschichten und Nachwirkungen von Trennungen.
Rena Schwarz ist frisch getrennt, ist also eine Frau mit Erfahrung. So betritt sie den Raum
und überprüft sorgfältig die Anwesenden: Wer ist schon getrennt, wer noch
verheiratet, wie lange schon, wie lange noch? Sie wird fündig und führt die
Betroffenen den ganzen Abend als leuchtende oder warnende Beispiele heran, lobt sie,
tröstet sie, maßregelt sie. Trennung ist etwas für wissenschaftliche
Untersuchungen, wie entsteht Trennung, wie kann sie forciert oder vermieden werden, wie
reagieren Männer, wie Frauen darauf. Aber dieser Abend wird kein trockenes Seminar.
Rena Schwarz setzt ihre persönlichen Erfahrungen mit Martin, Jens, Rolf ein, um die
Gruppe im Saal zu therapieren. Sie erzählt vom Wandel in einer Beziehung von der ersten
Zeit, in der man Seiten von sich zeigt, die zwar die besten sind, die man aber eigentlich
gar nicht hat, bis hin zum grauen Ehealltag, warnt, dass ein Ferienparadies kein Paradies,
sondern ein Trennungsgrund sein kann. Müsste man eigentlich wissen, denn für Adam
und Eva fing der Stress im Paradies an. Sie demonstriert, welch unterschiedliche Bedeutung
ein Satz wie „Immer weißt du alles besser“ durch unterschiedliche Betonung
erhält. Sie gibt Ratschläge für Trennungsopfer und deren verbliebene Freunde
„Nicht zu nett sein!“, entlarvt angeblich aufbauende Abschiedssätze wie
„Lass uns Freunde bleiben“.
Als gute Therapeutin lässt Rena Schwarz auch die zu Therapierenden zu Wort kommen. In
der Arbeitspause dürfen sie eigene Anliegen aufschreiben und erhalten dann Antwort. Ein
Schwerpunkt liegt dabei auf der Befriedigung von Rachegelüsten. Die kann Frau am besten
an Manns Auto ausleben. Als sachverständige Mitarbeiterin wird sogar Frau Merkel
eingesetzt, deren schöne Ausführungen in dem Merksatz gipfeln „Mit
Männern kann man nicht verhandeln“.
Zu einer guten Therapie gehört das Einsetzen von Musik, und darin ist Rena Schwarz
richtig gut, sei es, dass sie volksliedhaft mit „Mein Ex, der ist ein
Wandersmann“ die Anwesenden zum fröhlichen Fidiralala animiert, dass sie
höchst emotional eine versoffene Nacht besingt oder rappend fragt „Wie werd ich
ihn los?“ Man hat aber trotz gegenteiliger Beteuerung den Eindruck, dass die
Therapeutin selbst noch immer leidet, gerne wieder einen Partner hätte. Daraus folgt
ihr letzter Ratschlag. Man soll einfach sich selbst lieben, denn von sich selbst kann man
sich nicht trennen. Was das Publikum angeht, das hat Rena Schwarz so lieb, dass es sich
nicht von ihr trennen möchte und erst nach einer Zugabe in die vorläufige Trennung
einwilligt.
Ute Büttner
„Von wegen“
Thomas Felder am 17. April 2015 im Kräuterkasten
Mit Musik und Text hielt der Liedermacher Thomas Felder wie ein Eulenspiegel am
Freitag seinem Publikum im Kräuterkasten den Spiegel vor.
Man fühlt sich ins Mittelalter versetzt, als der Musikant auftritt. Er entlockt der
Drehleier wahrhaft leiernde Töne, die an Dudelsack erinnern. Dann singt er von dem
schönen Land mit wilder Natur, ohne Krankheiten, ohne Schloss und Riegel. Doch leider
ist der Zugang zu diesem Land verwehrt. So beschreibt er jetzt, was außerhalb dieses
Landes so alles passiert. Was er zu sagen hat, spricht er, bestätigt es dann durch
Musik, und beides entspricht sich in seinen Wiederholungen, leichten Variationen, I ben so,
wi i ben, du bischt so, wi du bischt“. Der Schwabe findet sich wieder in diesen
Erkenntnissen. Doch dann bezeichnet Felder das Schaffen als Krankheit und erzählt
vergnügt von dem, der nichts zuwege bringt, weil er immer erst „sei Sach'“
suchen muss. Und diese Klage des verzweifelten Schwaben untermalt er auf dem Klavier auch
noch mit flotten Rhythmen aus Amerika! Harmlose Späße, könnte man meinen,
diese Zungenbrecher um „Denne“ die man „nemme nemme“ kann, diese
schwäbischen Wortspiele über hauen als haben oder schlagen, die Verwandtschaft von
Schwäbisch und Chinesisch, die das Publikum noch mit Jodeln begleiten darf, das
schottische Volkslied, das Felder mit heller, leicht blecherner Stimme wie ein echter
Schotte zur Gitarre singt und dann genial in schwäbische Sprache und Lebensart
überträgt. Doch dann verteilt er Hiebe. Der Erdkreis dreht sich um den
Mercedesstern und in schönstem Honorationenschwäbisch erklärt der
Regierungsbeamte, warum der normale Bürger jetzt auch für die Atemluft bezahlen
soll. Mutter Erde beklagt sich über ihr jüngstes Tier, dessen Treiben immer mehr
ihr Antlitz verletzt. Der Spass hört auf. Wer hilft gegen Zerstörung, für die
Stuttgart 21 für ihn als Beispiel steht? Kann die Kirche helfen. „Herr,
schmeiß Hirn ra“, fleht er mit Gerhard Raff zu Choralklängen auf dem
Klavier, doch auch die Kirche dient dem Gott Mammon. Es ist ein Anliegen, das Felder auf der
Zunge brennt. Wie ernst er es meint,spürt das Publikum. Im Saal wird es ganz still,
auch als er dann mit Worten von Hölderlin stellvertretend für menschliches Leid an
ertrunkene Bootsflüchtlinge erinnert und sein Programm mit Psalm 23 abschließt.
Die Stimmung hellt sich bei den Zugaben wieder auf. Als Liedermacher der guten alten Schule
erweist sich Felder am Ende nochmals mit seinem Lied von den „alten Wegen“ und
man wünscht sich, dass solch ein Weg Thomas Felder einmal wieder in den
Kräuterkasten führt.
„Herbstflimmern“
Theater unter der Laterne im Kräuterkasten
Am Freitag spielte das Theater unter der Laterne im Kräuterkasten
Rolf Salomons Tragikomödie über die Alzheimer Krankheit
„Herbstflimmern“ mit Christoph Holbein als Charles Leconte, Barbara Wydra als
seine Tochter Camille, Gabriele Gatzweiler als seine Haushälterin Bernadette und
Joachim Mangold als Schachpartner Francois.
M. Leconte trippelt in den Salon seines Pariser Appartements, schick im
dunklen Anzug mit Weste und Krawatte. Aber er beginnt mit brüchiger Stimme lauthals zu
schimpfen, auf die unmögliche Musik im Radio, auf die Nutzlosigkeit von
Hörgeräten, er doziert über die Vorteile des Rauchens, das „die Sinne
schärft“. Seine freundliche, aufmerksame Haushälterin Bernadette kann ihn
nicht umstimmen. M. Leconte ist Bretone, den es nach Paris verschlagen hat, Das könnte
ja die Ursache für seine Sturheit sein. Dass der Grund dafür im Beginn seiner
Krankheit liegt, ist dem Publikum früher klar als Bernadette und Tochter Camille, die
sich zunächst selbst beruhigen „Manchmal vergisst er etwas, (den Regenschirm, wo
die Schuhe sind) aber sonst..“ Freundlich, ja zärtlich wird Leconte, wenn er von
seiner verstorbenen Frau Marie erzählt. Aber ist sie tot? Sie hat doch das Essen
für den Freund Henri gekocht, der sich immer wieder telefonisch meldet. Und jetzt
wollen sie in Urlaub fahren. Leconte packt den Koffer, Marie geht voraus auf die
Straße – und ist plötzlich verschwunden. Immer wenn Leconte in seine
imaginäre Welt eintaucht, wird die Szene in Dunkel getaucht. Bernadette und Camille
bekommen nichts mit, hören nie das Telefon, Bernadette hat zwar das Gastmahl gekocht,
geht dann aber aus dem Haus. Eindringlich spielt Christoph Holbein. Diese unbeholfenen,
hastigen Bewegungen, dieser leere Blick, wenn er etwas gefragt wird, was er nicht mehr
weiß, diese Überheblichkeit, wenn er seine Kenntnisse von sich gibt und ganz
selbstverständlich einen Augenblick später das Gegenteil behauptet. Gabriele
Gatzweiler überzeugt als geduldige Haushälterin, die mitfühlend das Bild von
Marie betrachtet, tröstet, aufmerksam zuhört aber auch Ratschläge gibt, nicht
nur M.Leconte sondern auch dessen Tochter Camille zu deren Eheproblemen. Bei aller Tragik
kommt die Komik nicht zu kurz. So verwandelt sich Barbara Wydra gekonnt von der biederen,
leicht verklemmten Camille im grauen Kostüm in eine lockere junge Frau in rotem Kleid,
die sogar Reizwäsche kauft. Leconte erinnert mit seiner absurden Streitsucht manchmal
an Figuren von Loriot. Zu einem besonderen „Dinner for one“ wird das Abendessen,
wenn Leconte seinem nicht anwesenden Freund Muscheln vorlegt, Wein einschenkt, sich mit ihm
unterhält. Richtig komisch auch Joachim Mangold als Schachpartner Francois, der sich
einfach nicht zum Zug entscheiden kann. Aber die reale Welt entgleitet immer mehr und so
fragt Leconte am Schluss seine Tochter „Wer sind Sie. Müsste ich Sie kennen?.
Der Kräuterkasten hat sich in einen Theatersaal verwandelt, das
Publikum hat einen großartigen Theaterabend erlebt.
Ute Büttner
„Kill me Kate“
Eine Dramödie mit Inka Meyer im Kräuterkasten
Als Theatermacherin Nora machte sich Inka Meyer am Freitag im Kräuterkasten Gedanken
über die Rolle der Frau im Theater und im wirklichen Leben früher und heute.
„Der widerspenstigen Zähmung“ soll Nora inszenieren, bloß wie?
„Schlag nach bei Shakespeare“ möchte man ihr zusingen und tatsächlich
gibt Shakespeare als Puppenkopf auch Ratschläge. Doch die sind veraltet. Vorbei die
Zeiten, da Frauen nicht auf der Bühne auftreten durften oder umgekehrt Frauen in
Hosenrollen schlüpften. Dabei wäre Vertauschung der Rollen gar nicht schlecht, bei
Schiller zum Beispiel. Dann wird aus Jeanne d'Arc ein Johannes, und ab mit ihm auf den
Scheiterhaufen. Und dann verliert Mario Stuart anstelle von Maria den Kopf, wie schön.
Noras Verhältnis zu Männern istnicht ungetrübt, erst kürzlich hat sie
sich von ihrem Didi getrennt. Bei Shakespeare sind die Männer besonders schlimm.
Othello schlägt seine Frau in aller Öffentlichkeit und bringt sie am Schluss gar
um – und seine Desdemona findet das völlig in Ordnung und nimmt alle Schuld auf
sich. Die Frauen sind eben auch nicht unproblematisch. Diese widerspenstige Katharina, wie
wird sie doch von Petruchio gelobt „Mein Pferd, mein Ochs, mein Esel, kurz mein
alles“, wie tönt sie erst „Ein Weib wird bald zum Narr'n gemacht, wenn sie
nicht Mut hat, sich zu widersetzen“, wie preist sie dann als Gezähmte ihren Herrn
und Gebieter, eindringlich mahnend wendet sich Nora beim Zitieren dieser Lobeshymne an die
Frauen im Publikum.
Klassisches Theater, wie inszeniert man das heute, um vor den Kritikern
zu bestehen? Man verwandelt Romeo und Julia in zwei grobe, coole Teenies „Hey du, was
haste gesagt?“ oder mit Blick auf die älter werdende Gesellschaft in zwei Uralte,
bei denen brüchige Stimmen und Schwerhörigkeit den Dialog erschweren. Man
könnte die klassischen Helden auch zur Werbung einsetzen. Dann wischt ein
Wunderreinigungs-mittel das Blut von den Händen von Macbeth ab.
Noras Überlegungen werden durch zahllose Anrufe von Nichten und
Freundinnen unterbrochen, die Rat in Lebensfragen suchen. Das fordert zu Vergleichen heraus
zwischen heute und der Zeit vor etwa 40 Jahren. Heute versuchen die Jugendlichen sich
mühsam am „Sexschatten“, früher genügte die „Bravo“
zur Aufklärung. Früher waren die Frauen Alice-Schwarzer-gläubig, heute
glauben sie blind jeder Theorie zur modernen Babyerziehung oder melden gar den vierbeinigen
Kindersatz in einer Krabbbelgruppe für Hunde an. Mit aufgerissenen Augen und fragendem
„Hallo“ betrachtet und kritisiert Nora Geschlechtsgenossinnen, aber auch deren
Partner. Müssen kleine Mädchen wirklich zum Superstar gemacht werden, ist Barbie
als Powerfrau ein Vorbild? Sind Frauen Opfer? Nora zitiert Zahlen zum Arbeitslohn, zur
Rente, zur Altersarmut und scheint das zu bestätigen. Doch frech empfielt sie dann die
Scheidung als Mittel zur Einkommenssicherung.
Vergnügt verfolgt das Publikum, fühlt sich lachend immer wieder
ertappt bei Noras Beobachtungen. Aber Scharfblick gab es schon früher. „Ich werde
jetzt mal wieder Shakespear lesen“, nimmt sich ein Gast beim Hinausgehen vor.
Ute Büttner
„Best of Melodisteln“
Martina Göhring und Ernst Seitz im Kräuterkasten
Am Freitag ließen die Schauspielerin Martina Göhring und der
Pianist Ernst Seitz im Kräuterkasten sieben Jahre Melodisteln Revue passieren.
„Glücklich ist, wer vergißt, was doch nicht zu
ändern ist“, stellt das Paar nach der Party melancholisch bis trotzig fest, sei
es auch nur die Wahl der falschen Garderobe. Doch Martina Göhring kann nicht vergessen.
„Hätt' ich anders wollen sollen?“, fragt sie, als die Suche nach einem
Partner mal wieder erfolglos bleibt. Hätte sie statt Erdbeereis Pommes gegessen,
hätte sie keine Allergie bekommen, hätte den Apotheker nicht getroffen, der sich
als Fehlschlag erweist,den sich womöglich jetzt Freundin Moni angelt. Der Konjunktiv
beherrscht das Schicksal, das immer wieder vehement mit den Klaviertasten an die Pforten
pocht. Es geht doch um die Zukunft. Moni sucht die Handleserin auf. “Aber bitte, sagen
Sie mir was Gutes“, doch düster untermalt Chopins Trauermarsch die Prognose, dass
Moni eigentlich schon tot ist. Warum macht die Partnersuche solche Probleme? Frauen sind
doch gar nicht schwierig. Aber die Suche dreht sich im Kreis, im Walzertakt wie auf einem
Karusell, ach Udo, ach Wolfgang, ach Sascha. Keiner lässt sich in Besitz nehmen.
Temperamentvoll läuft das alles ab. Martina Göhring kann man
sich mühelos auf großer Bühne vorstellen, wie sie singt, deklamiert und
agiert. Ernst Seitz schlüpft mühelos und mit höchsten Tönen in die Rolle
der besten Freundin Moni oder der Partner-kanditaten. Treffsicher setzt er dazu das Klavier
ein. Zur Mondscheinsonate erklärt der Milbenforscher das Wesen der Grabmilbe, ein
ausdrucksstarkes Adagio cantabile lässt den Reitlehrer noch ordinärer erscheinen,
Schumanns Träumerei steht im Kontrast zum eiskalten Manager, Rossinis Figaro lässt
das Glücksschwein triumphieren. Zu höchster Form laufen die Künstler auf, als
sie Papageno im Internet auf Frauensuche schicken, wobei der dann anstelle von Tamino das
bezaubernd schöne Bildnis anhimmeln darf. Doch es erscheinen Carmen, Mimi, gar die
Hexe, aus „Pa Pa Pa“ wird Ca Ca Ca, Mi Mi Mi mit Gehuste, ein dämonisches
Knusp, Knusp, Knusp, Papageno jammert wie Monostatos, die Königin der Nacht trägt
eine blonde Perücke, Dramatik pur bis Papageno endlich per Hexenkuss seine Papagena
findet. Das ist musikalisch, stimmlich, schauspielerisch wahrhaft große Oper.
Eigentlich passen Männer und Frauen nicht zusammen, wie
wissenschaftlich bewiesen ist. Aber dennoch ist die Partnersuche ganz einfach, erklärt
Martina Göhring, „Man muss nur aus all den Falschen den Richtigen
heraussuchen.“ Das begeisterte Publikum im Kräuterkasten weiß, dass es
zumindest an diesem Abend das richtige Programm herausgesucht hat.
Ute Büttner
Blaus Wunder
Dein-Theater im Kräuterkasten
Am Freitag ließen Anja Meuschke und Stefan Österle vom
Dein-Theater das Publikum den schwäbischen Mundartdichter Josef Eberle alias Sebastian
Blau erleben, kombinierten dessen Texte mit Fakten aus seiner Biographie und passender
Musik.
„…auf einmal war ich eben da..“, ein
schwerfälliger Schwabe sitzt da, starrt die Leute an, räsoniert mit leicht
grollender Stimme. Er „bruddlet“, Rottenburger gegen Stuttgarter, leiser
Neid schwingt mit. Schimpfen kann der Schwabe, besitzt einen unermesslichen Schatz an
Schimpfwörtern für Männer und Frauen. Doch Stefan Österle zählt sie
nicht einfach auf, er macht daraus ein Kunstwerk, verzögert, steigert sich, atmet tief,
bevor er einen besonderen Treffer landet. Von wegen langsam, mit Zungenbrechern beweist er,
wie schnell er ist, dieweil die Zuhörer lachend am „Klötzle Blei“
scheitern. Gegensätze sind schwäbisch, ein trauriger Anlass wird zum Spaß.
So etwa, wenn zwischen Strophe eins und drei von „So nimm denn meine Hände“
Stefan Österle der Witwe eine hohe, leicht brüchige Stimme leiht und erzählt,
wie ihr Ehemann beim ersten Biss ins knusprige Göckele starb, wohl versehen mit dem
eben gesprochenen Tischgebet. „Euer Land trägt Edelstein“, der Schwabe ist
stolz und das zu Recht. Gelehrt doziert Stefan Österle über „Dreierlei
Schwäbisch“, wobei bei einem Fremdwort in der schwäbischen Hochsprache schon
mal ein v zu einem harten f wird. Doch auch Selbstkritik schwingt mit. Was wäre aus
Schiller geworden, wäre er im Ländle geblieben? Und ernst wird es, wenn Stefan
Österle Texte zitiert, die Josef Eberle im KZ Heuberg schrieb. Es gibt auch den sanften
Schwaben, der so rührend über seinen kleinen Hund erzählt, dass die
Anwesenden das als Handpuppe agierende Tier einfach in Herz schließen müssen. Und
wenn der verliebte Schwabe andächtig „Mei Schätzele“ beschreibt, summt
manch einer mit „Mädle ruck, ruck, ruck..“
Ein richtig schönes Schauspiel machen Anja Meuschke und Stefan
Österle nach der Pause aus der schwäbischen Liebesgeschichte in Briefen von Alois
und Paula. Mit Schmollmund erfährt die „liebe“ Paula, dass Alois sie
kontrolliert, vor lauter Heulen kann die „werte“ Paula fast nicht mehr
weiterlesen, als Alois die Vaterschaft am kleinen Alois abstreitet. Stockend buchstabiert
Alois, dass er die Wahl zwischen Zahlen und Hochzeit hat, braucht einen tiefen Schluck aus
der Flasche, ehe er den Brief zerreißt. Dank des Priesters kommt es schließlich
doch zur Heirat und die kleine Aloisia kann in einer richtigen Familie aufwachsen. Doch
damit es dem schadenfrohen und lachenden Publikum nicht zu wohl wird, richtet der
Gottesmann seine Predigt an diese christliche Gemeinde und liest ihr gehörig die
Leviten.
Das tut allerdings dem Vergnügen keinen Abbruch. Blaus Wunder, die
Gäste erlebten einen wunderbaren Abend.
Ute Büttner
Gnadenlos weltlich
Chor der Mönche im Kräuterkasten
Der Chor der Mönche mit Wolfgang Vogt, Michael Niethammer, Volker
Siegle und Herbert Carl sorgte am Freitag im Kräuterkasten beim Publikum nicht so sehr
für erbauliche Gefühle, dafür für dröhnende Lachsalven.
Dabei fängt alles so weihevoll an: Bei absoluter Stille schreiten
vier Mönche mit brennenden Kerzen in den dunklen Saal, gregorianische Gesänge
ertönen mit der salbungsvollen Aufforderung „Audite nunc“. Doch was die
Gemeinde jetzt vernimmt, wird lebhafter. „Lasst uns froh und munter sein“ mahnt
die Bassstimme, und froh und munter werden sie, werfen die Kutten ab, präsentieren sich
in Frack und Zylinder, roter Fliege, roter Nelke im Knopfloch.
Jetzt sind sie Mönche ohne Zölibat und stellen das sicht-und
hörbar unter Beweis. Sie himmeln alles an, was weiblich ist, selbst die Tuba erweckt in
ihrem Besitzer mit ihren Kurven erotische Gefühle. Die röhrt geschmeichelt ein
Volkslied. Sie finden im Publikum ihren Liebling und lassen ihre Herzen die Auserkorene
grüßen, übertrumpfen sich gegenseitig mit ihren Liebesbeweisen oder erinnern
sich einträchtig und rührselig an ihr kriminelles Mütterlein. Das ewig
Weibliche - schon Rulaman machte sich mit Knochen in der Hand und unter dumpfen
Trommelschlägen an seine Ula ran. Heute genügt eine Fahrt im Triebwagen, um Mann
angesichts einer Nachbarin in fiebrige Erregung zu versetzen. Sie kennen sich in der Welt
und in der Geschichte aus, wie die Komponisten einst das Improvisieren erfanden und die
Chinesen den Jodler. Doch immer wieder bricht sich das Schwäbische als ihre Heimat
Bahn. Sie singen ein Loblied auf den Most und klagen über das Problem, wie man per
Eisenbahn via Neckar-X und Neckar-Y, Unter-X und Ober-X, X-ingen und Y-ingen zum Ziel
gelangt, zerstören Fernostwellnessträume mit schwäbisch misstrauischen
Realismus.
Ein Männerquartett, meistens a-capella und das perfekt. Der Klang
wird getragen vom Bass und vom 1.Tenor, der immer wieder gar als Countertenor
überstrahlt, die Mittelstimmen 2.Tenor und Bariton füllen nicht nur, sie runden
das Klangbild ab. Sie werfen sich Töne und Worte zu wie Bälle, die sie geschickt
auffangen und weiterleiten. Sie treten alle ganz individuell als Solisten hervor. Dann
begleiten die anderen wie ein Orchester. Oft formieren sie sich aber auch wie ein Chor in
der Oper, kommentieren den Einzelnen zustimmend, zweifelnd, abwehrend. Sie spielen, was sie
singen, sie nähern sich bedrohlich schmachtend einer Dame im Publikum, sie stecken
verschwörerisch die Köpfe zusammen, wenden sich empört voneinander ab,
reißen erstaunt die Augen auf, starren beseelt in die Luft.
„Man singt nur mit dem Herzen gut“, diesen Refrain bringen
sie dem Publikum bei. Bezogen auf den Chor heißt das, sie haben so richtig aus vollem
Herzen, also so richtig gut gesungen, dass das begeisterte Publikum sie erst entlässt,
als sie als letzte Zugabe nochmals zu Mönchen werden und ein Schlaflied anstimmen.
Ute Büttner
Pisa, Bach, Pythagoras
Dietrich „Piano“ Paul im Kräuterkasten
Anstelle des geplanten „Können Journalisten denken?“ bot
Dietrich Paul am Freitag im Kräuterkasten eine leicht verkürzte Form eines
früheren Programms „Pisa, Bach, Pythagoras“. Gesundheitliche Probleme
zwangen ihn dazu, denn seine Stimme erlaubt ihm derzeit kein langes, lautes Reden und vor
allem kein Singen.
Nun, Pisa ist ja gerade wieder akut. Aber obwohl sich Deutschland in
diesem Test erheblich verbessert hat, besteht für Dietrich Paul noch kein Grund zum
Jubeln. Er misstraut dem Bildungswahn, der sich breit macht, der Bildungskanonen auf die
Wissensollenden abfeuert. Die Ansprüche verflachen, Bach und Beethoven enden bei
Bohlen, gediegene Quizmaster werden durch läppische Frageonkel ersetzt. Prozentrechnung
und Rechtschreibung sind sogar für seriöse Zeitungen rätselhaft. Dafür
sind die Leute beeindruckt von Technik und glauben jeden Blödsinn, sofern er
ihnen per Beamer vermittelt wird. Sogar die Astrologie darf sich heute ungestraft als
Wissenschaft bezeichnen, bloß weil sie sich des Computers bedient. Aber Dietrich Paul
vertraut noch auf das gesprochene Wort, mathematische Formeln und Fachausdrücke und er
benützt als Medium den guten alten Overheadprojektor oder ein echtes Klavier.
So verbindet er seine Liebe zu Physik, Mathematik und Musik. Nicht von
ungefähr, zählte doch im Mittelalter die Musik noch zu den exakten Wissenschaften
wie Geometrie oder Algebra. Einstein und sein Geigenspiel sind bekannt. Aber schon
Pythagoras hinterließ nicht nur das Wissen ums rechtwinklige Dreieck, mit dem man
übrigens erklären kann, warum es im Sommer warm und im Winter kalt ist. Er war der
erste, der mit Brüchen rechnete, mit jenen Brüchen, die einerseits Schülern
Schwierigkeiten machen, die andererseits in der Musik genau definieren, was eine Oktav, eine
Terz ist. Mit mathematischen Formeln lässt sich erklären, wie ein Kanon
funktioniert, wie eine Sonate strukturiert ist. Aber Dietrich Paul erklärt nicht nur,
er ändert Musikstücke um, indem er stilspezifische Transformationsoperatoren
einsetzt. Da zeigt sich, warum er den Beinamen „Piano“ verdient. „Happy
birthday“ erinnert jeden Klavierschüler an den 1. Satz von Mozarts C-dur Sonate,
Beethoven grüßt Elise, Joplin schickt seinen Entertainer los und wenn Tristan
seiner Isolde gratulieren will, ist das nicht nur ein Ohren-, sondern auch ein Augenschmaus,
so schön und bedeutungsschwer schmachtet Piano Paul. Doch mit Musik und Mathematik kann
man noch mehr verbinden. Wer hätte gedacht, dass Einigkeit und Recht und Freiheit,
auferstanden aus Ruinen im Land der Bayern so prima harmonieren?
„Naturwissenschaften machen keinen Spaß, sie sind nur
nützlich“ und „Kunst muss weh tun“ zitiert Dietrich Paul. Mit seinem
Programm beweist er, dass das falsch ist. Das Publikum hat Spaß und keine Schmerzen
und entlässt ihn erst nach einer Zugabe, die Adeline mit Dschingis Khan
zusammenführt und schön pathetisch mit Tschaikowsky endet.
Ute Büttner
Petticoat&Pomade
Moni Francis und Buddy Olly im Kräuterkasten
Am Freitag entführten Moni Francis und Buddy Olly, mit
bürgerlichen Namen Monika Laine und Oliver Dobisch ihr Publikum im Kräuterkasten
zurück in die 50er-und 60er Jahre.
Einer dieser kleinen Clubsessel steht auf der Bühne, dazu zwei
riesige Radios, Holzgehäuse, große Knöpfe zum Drehen. Die Hintergrundsmusik
liefert allerdings eine moderne Anlage. Aber die zwei, die jetzt kommen, passen zur
Einrichtung, geblümtes Kleid mit weitem Rock, spitze Stöckelschuhe, lässiger
grauer Anzug zu weißem Hemd. Und sie legen gleich los, harte, abgehackte, tiefe
Töne und „Tequila“ antwortet es aus dem Raum. Sitzen hier doch ganz viele
Fachleute, die diese Zeit erlebt haben. Ja, wir sind zurück in den 50er Jahren, einer
Zeit, da die Jugend misstrauisch von den Älteren beäugt wird, findet die doch
alles gut, was aus Amerika kommt, feiert im Keller, tanzt zu Schallplatten und nennt das
Party. „Let’s have a party“ röhrt Buddy Olly und das Publikum stimmt
ein. Und was für Texte das sind! Da ersäuft einer seinen Kummer, weil seine Mimi
ohne Krimi nie ins Bett geht. Und während sich Buddy Olly wie Bill Ramsey singend
beklagt, sitzt Moni ganz gemütlich im Sessel und liest. Das können die beiden gut,
den Rahmen liefern, während der andere singt. Olly guckt ganz traurig, wenn Moni
melancholisch wird, Moni tanzt bis zum Umfallen, wenn Olly Tempo zulegt. Erinnerungen werden
lebendig, weil die beiden so gut die damaligen Interpreten imitieren. Schaut man weg, meint
man Connie Francis zu hören, die den schönen fremden Mann anhimmelt, mit Tonfall
und Blicken wandelt sich Olly, der gerade noch so fröhlich und lieb moderiert hat, mit
„Ring of fire“ um in Johnny Cash. Sie passen sich dann auch in der Kleidung an,
schwarzer, enger Rock, Leopardenmuster, Nietenhose und Lederjacke, Sonnenbrille. Sie
ändern die Haltung, weg von diesem bemüht verführerischen, leicht verklemmten
Gehabe zu den amerikanischen Vorblildern, zum gemeinsamen ausdrucksstarken Duett
„Jackson“ 50er und 60er Jahre, neben eher braven Schlagern Rock ’n Roll,
Boogie, Twist. „That’s alright Mama“ beruhigt Elvis Presley. Olly und Moni
erzählen viel, über die Geschichte des Rock ‘n Roll, über wechselnde
Interpreten wie bei „Always on my mind“. Dazwischen erheitern sie mit Anekdoten,
nehmen eine alte Colawerbung als Zeichen für die Programmpause, ergänzen die
Vorliebe für Sahnetorten mit „Ich will keine Schokolade“. Olly erheitert
mit einer deutschen Übersetzung von „Fever“ und wenn Moni „Lucky lips
are always kissing“ singt, merkt man, wie bieder doch damals „Rote Lippen soll
man küssen“ mit Gus Backus klang.
Tanzen kann man im Kräuterkasten nicht. Aber aufstehen, die Arme
recken, klatschen, mitsingen. Das Publikum ist begeistert, steigt bei „Shout“
voll ein. Zum Ende erinnert Olly mit „Sugar baby“ an Peter Kraus, singt Moni
ganz engagiert „Unchained Melody“ und als die beiden schließlich
versprechen „Wir wollen niemals auseinander gehen“, singen alle inbrünstig
mit, denn gehen will eigentlich niemand.
Ute Büttner
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